Schloss-Uhltsenheimer-Horror, Peter Nimtsch, Juli 2011


Ein Knacken zuckt die durch nächtliche Stille des Turmzimmers. Ich schaue von meinem Buch auf, zum Schatten des Nischenfensters, das das Licht der Kerze auf meinem Sekretär nicht erreicht. Es kann ein Stein gewesen sein, der gegen die Scheibe geknallt ist. Oder ein Vogel.

Meine Hand streicht über einen Dreitagebart, der sich nach zwei Wochen anfühlt. Bei mir scheint sich der Haarwuchs, zumindest im Gesicht, mit zunehmendem Alter zu beschleunigen.

Klack. Wieder! Es ist zweifellos ein Stein gewesen. Ich ziehe an der Schnur der Stehlampe, zweimal, dreimal, doch mein Arbeitszimmer bleibt dunkel.

Die Glühbirne muss kaputt sein, denke ich, als klägliche Laute von unten, aus dem Hof, heraufschallen. Ein menschliches Wesen, offenbar ein weibliches, versucht mit Rufen auf sich aufmerksam zu machen. Aus vollem Hals, aber mit eher dünner Stimme. Das Rufen wird lauter. Das Stimmchen droht sich zu überschlagen.

Ruft die Frau oder das Mädchen etwa um Hilfe?
Mit einem Ruck bin ich auf den Beinen. Die Holzdielen knarren im Rhythmus meiner humpelnden Schritte. Diagonal über das Glas des kleinen Bogenfensters zieht sich ein gezackter Schatten.

„Kruzifix!“, entfährt es mir, „ein Sprung in der Scheibe!“

Mein Zeigefinger tastet nach dem versteinerten Blitz, während es draußen erneut wimmert.
Ich reiße das Fenster auf und stutze.
„Gabi?“

Die Silhouette eines Mantels weht über das Kopfsteinpflaster, wie eine mitten im Hof aufgepflanzte, schwarze Flagge. Darüber, im Mondlicht blass, schimmert mir Gabis schmales Gesicht entgegen. Ein Stoßseufzer hallt herauf.

Ich habe die Kleine schon ewig nicht mehr gesehen, doch mir fällt sofort auf, dass mit ihr etwas nicht stimmt. In ihren Augen leuchtet etwas Verwirrtes, ja ... Irres. Zusammen mit der für einen unangekündigten Besuch recht ungewöhnlichen Tages- oder besser Nachtzeit sind das zwei Umstände, die meine Freude über das unerwartete Wiedersehen drastisch mindern.

Nach einer Erklärung für das ungute Gefühl im Bauch in der Vergangenheit kramend, entgeht mir völlig, was sie mir zuruft. Offenbar ist es mehr als ihre Begrüßung, denn das Erste, was mein Bewusstsein erreicht, ist ihre ungeduldig klingende Frage, ob ich sie verstanden habe.
Ich entschuldige mich und bitte sie, zu wiederholen.

Ihre Reaktion verstärkt allerdings den Druck in der Magengegend: Als wäre ihr ein Hammer auf den Zeh gefallen, dreht sie sich, ein Heulen ausstoßend, einmal um sich selbst, bevor sie schweigend zu mir hoch starrt.
„Okay, Brummel“, ruft sie dann“, kannst du bitte ganz schnell etwas tun, das dir vielleicht verrückt vorkommt?“

Aha, also tatsächlich verrückt, denke ich. Dass sie mich nach so langer Zeit immer noch ganz selbstverständlich Brummel nennt, tut allerdings gut, vielleicht deshalb antworte ich: „Ja, natürlich, was denn?“

„Also“, beginnt sie und streckt ihren linken Arm aus. „Brummel, lauf bitte ganz schnell aus dem Turm raus, immer geradeaus, über den Wehrgang in den Hauptflügel, den Flur mit der Ahnengallerie entlang, die Treppe runter in die untere Halle ... okay? Bitte frag nicht, warum.“

Instinktiv wende ich mich um. Finsternis im Zimmer, rings um den schwachen Lichthof des Sekretärs.
„Was ist los, Gabi, brennt es?“, frage ich trotzig. „Siehst du von unten irgendwo Rauch?“

„Nein, Brummel, aber bitte tu es trotzdem!“, schreit sie und stampft mit dem Fuß auf. „Lauf los, geradeaus, so schnell du kannst! Hörst du? Dann wirst du es schon sehen. Für Erklärungen ist keine Zeit. Lauf los, jetzt! Und SO SCHNELL DU KANNST! Immer geradeaus!“

„Schon gut, Gabi, ist ja schon gut.“ Kopfschüttelnd wende ich mich ab. „Aber ...“ Noch einmal stecke ich meinen Kopf durch das kleine Fenster.

„Brummel, BITTEEE!“, gellt es herauf.

Da sie nichts von meinem lädierten Fuß wissen kann, wollte ich ihr lediglich noch kurz mitteilen, dass das mit dem „schnell“ so eine Sache sei. Doch ich sehe ein, dass es keinen Zweck hat.

Sie ist schon immer etwas eigen gewesen, denke ich, während ich zurück zum Sekretär humple. Kauzig, eigensinnig, vielleicht sogar ein bisschen verhaltensgestört. Gleichzeitig bin ich mir aber bewusst, dass damals – als wir uns noch täglich sahen – oft ich derjenige war, der alles vermasselte.

Das sollte mir inzwischen nicht mehr passieren, sage ich mir, nehme den Kerzenständer am Messinggriff und leuchte in die Turmkammer. Schatten huschen, vor meinen Handbewegungen flüchtend, hinter Mauersimse, hinter das Bücherregal oder hinter die Eichentruhe. Warum zum Kuckuck soll ich aus dem Turm verschwinden? „Immer geradeaus“, hat Gabi gesagt, „dann wirst du es schon sehen.“ Warum aber ist es ihr dermaßen wichtig, dass ich mich so beeile?

Die Kerze in der Hand, bewege ich mich, begleitet vom hämischen Knarren der Dielen auf die Kammertür zu. Jetzt erst fällt mir etwas auf, das die Situation blitzartig von kurios nach unheimlich kippen lässt: Die Tür steht offen und ich bin mir sicher, sie beim Betreten der Kammer geschlossen zu haben!

...

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