Martyrium - Peter Nimtsch - Dez. 2010

 

Gestern, Sonntag, Jahrhundert-Palais Stuttgart. Meine Freundin, Jasmin, und ich hatten noch zwei Karten für die Tribüne erwischt. Wir fanden unsere Sitzplätze und stellten fest, dass es keine besseren geben konnte, um die Grandiosen Drei aus nächster Nähe zu erleben. Bis dahin versprach der Abend ein richtig guter zu werden – wie abrupt er enden würde, konnte ich zu der Zeit ohnehin noch nicht ahnen.

Als die Musiker des Support Acts Martyrium gegen zwanzig Uhr die Plattform neben der Hauptbühne betraten, war die Halle gut gefüllt – ich schätzte zehntausend Menschen. Von Martyrium hatte ich vorher nie gehört, aber offenbar waren auch ihre Fans in dieser Arena präsent, denn noch bevor der letzte der Akteure sein Instrument beziehungsweise Mikrofon erreicht hatte, verwandelte sich die Menge vor jener Nebenbühne in ein geräuschvoll wogendes Meer gestreckter Arme.

Der Sänger begrüßte das Publikum mit „Was geht ab, Stuttgart?“, die Menge geriet noch heftiger in Wallung und ich wollte mich gerade über das uralte Phänomen der Massenhysterie amüsieren, als mich der erste Tiefschlag traf.

Mein Kopf schwenkte nach rechts, zu Jasmin, die mich mit hochgezogenen Augenbrauen schadenfroh angrinste, während nun jener ersten dumpfen Erschütterung eine abgründige Bassline folgte. Das knarrende Grollen aus mannshohen Subwoofern ließ meinen Körper vibrieren.

Jasmin zu fragen, ob sie mir da etwas verschwiegen hatte, wäre bei dem Krach zwecklos gewesen, also wandte ich mich wieder dem Ort zu, an dem das akustische Unwetter erzeugt wurde. Im gleichen Moment setzten, begleitet von grellen Blitzen, dumpfe, höllenlaute Beats ein, in deren Rhythmus sich die futuristisch verkleideten Musiker zuckend bewegten.

Als ob der Teufel von unten an die Halle klopft, dachte ich.

 

Neben mir geriet Jasmin aus dem Häuschen. Lachend zappelte sie auf ihrem Plastiksitz hin- und her und rempelte mich mit ihrem linken Ellenbogen im Takt des Polterns herausfordernd an. Sie zwinkerte mir zu und rief mir – akustisch nicht verständlich, aber deutlich erkennbar – mit aufgerissenem Mund „Geil!“ zu. Ihre übermütig blitzenden Augen sprachen Bände: Hey, alter Sack, jetzt komm, hab dich nicht so, sei nicht so spießig, mach mit ...

Ich nickte ihr nachsichtig lächelnd „Du mich auch“ zu, dann schaute ich mich um. Das Publikum auf unserer Tribüne dürfte im Schnitt etwa in unserem Alter gewesen sein. Und was die Begeisterung dieser Leute betraf ... na ja, hätte ich herumgefragt, wer außer mir noch Lust habe, draußen, im Foyer, ein Bier zu trinken, solange bis die Grandiosen erschienen, hätten sich die Sitzreihen vermutlich drastisch geleert. Die meisten hier oben verharrten wohl lediglich in einer Art Schockstarre, aus der sie erst mal jemand befreien musste.

Aber das tat ich natürlich nicht. Ich wollte Jasmin nicht den Spaß verderben, angesichts des viel zu selten gewordenen Umstands, dass wir beide es fertigbrachten, gemeinsam etwas zu unternehmen. Außerdem bin ich doch immer offen für Neues, sagte ich mir, ließ meinem Schatz ihren Sitztanz und wandte mich wieder der lärmerzeugenden Insel jenseits der brodelnden Menge zu.

Martyrium bestand neben dem Frontmann aus zwei DJs und drei zuckenden Backgroundsängerinnen, soweit aus der Entfernung, beziehungsweise im Diskoscheinwerfer-Geflacker, das das Halbdunkel zerhackte, erkennbar. Wenn man vom Hip-Hop-typischen Sprechgesang absah, dürfte für das, was sie spielten, Techno die korrekte Bezeichnung sein. Jenes elektronische Gestampfe und Gewaber war noch nie mein Ding gewesen. Und eigentlich war es allgemein für eine andere Zielgruppe bestimmt als für die, die auf den Headliner wartete, oder?

 

Inzwischen realisierte ich immerhin, dass ich meine Ohrenstöpsel trotz des Brachialsounds keineswegs benötigte. Denn anders als bei einem Metal-Konzert drangen die lautesten Töne vom Hallenboden her in mich ein. Einem durch die Ohren ins Hirn sägende verzerrte Gitarrenriffs fehlten. Was da von unten gegen mein Zwerchfell drosch und Innereien, Knochen sowie jede einzelne Muskelfaser zum Schwingen brachte, zerfetzte mir wenigsten nicht das Trommelfell. Das war der erste Pluspunkt, den ich seit Beginn des Infernos vergab.

Mittlerweile lief die zweite Nummer. Mit einem anderen Rhythmus. Die Beats stampften nicht mehr monoton vor sich hin. Der mittlerweile groovende Bass tat kaum noch weh, obwohl er immer noch rumorte wie der abnibbelnde Motor eines Muldenkippers. Vielleicht hatte ich wirklich schon einen Gehörschaden.

Doch, nein: Was der Sänger – oder hier passender: MC – da rappte, war eigentlich trotz Lärmkulisse gut zu verstehen. Jetzt sang er zur Abwechslung sogar doch noch. Unisono mit einer der Sängerinnen. Sie seien „so schön verstrahlt“, trällerten sie fröhlich. Hörte sich interessant an.

Neugierig geworden, begann ich aufmerksam zuzuhören. Von Song zu Song fand ich die Texte besser. Witziger. Tiefgründiger. Der Rap des Typen da vorn hob sich vom Großteil dessen, was ich bisher als Rap kannte, wohltuend ab. Darüber hinaus konnte ich auch der Musik selbst von Titel zu Titel mehr und mehr abgewinnen.

Irgendwann lehnte ich mich zurück und schielte zu Jasmin, die selig lächelnd ihren Kopf im Takt wiegte. Als sie bemerkte, dass ich sie beobachtete, erntete ich einen erneuten Ellenbogenstoß. Dann beugte sie sich her und schrie mir ins Ohr: „Und? Schlimm?“

Ich verneinte, indem ich die Schultern hochziehend, kopfschüttelnd, eine unschuldige Grimmasse zog; in der Hoffnung, meine wachsende Sympathie für die Vorgruppe so noch einigermaßen zu verbergen. Schließlich war ich mir längst sicher, dass ihr schon vorher klar gewesen war, was uns erwartete, sie mich also ein klein wenig hintergangen hatte.

„Man kann sich daran gewöhnen!“, rief ich zurück, erntete einen weiteren Hieb in die Seite und sah wieder nach vorn, denn eine echte Unterhaltung erschien mir bei dem Gedröhn nach wie vor zu anstrengend.

 

Ich erinnere mich noch genau, wie ich zum ersten Mal den Blick des Security-Typ auffing, der durch sein weißes T-Shirt von all seinen dunkel gekleideten Kollegen abstach. Er stand im abgesperrten Bereich vor der uns zugewandten Bühnenrampe, also maximal zwanzig Meter entfernt, direkt vor uns. Da hielt ich meine Wahrnehmung noch für einen Zufall. Meine Augen wanderten weiter bis zu Martyrium, die ihre Hallenhälfte nach Strich und Faden rockten, dann aber unbewusst wieder zurück zu jenem Glatzkopf in Weiß – er schaute immer noch zu uns hoch. Zu Jasmin und mir. Zumindest schien es mir so. Er nestelte sich am Ohr, während er seinen anderen, muskulösen Arm zögernd zum Mund führte, so als wolle er in die gewölbte Hand husten. Ob er dabei nicht doch die Konzertbesucher links oder rechts neben uns fixierte, war auf die Entfernung nicht zweifelsfrei festzustellen. Doch zweifellos fand er hier, wo wir saßen, irgendetwas beachtenswert, denn solange ich hinschaute, sah er zurück.

Einige Höllen-Beats lang hielt ich seinem Blick stand, bevor es mir unangenehm wurde und ich mich wieder der B-Stage zuwandte. Nicht zuletzt aufgrund meines schlechten Gewissens, das sich plötzlich meldete. Der Frontmann von Martyrium rief gerade eine Frage, die ich akustisch nicht verstand, ins unter ihm brodelnde Menschenmeer und hielt ihm sein Mikrofon entgegen. Das Meer antwortete mit einer gewaltigen Welle: „Schauspiel studieren!“, schallte es disharmonisch zurück.

Offenbar waren die Fans der Elektro-Rapper textsicher. Jedes Mal wenn der MC seinen Arm ausstreckte, ertönte ein tausendstimmiger Chor, der an die Cannstatter Kurve im Neckarstadion nach einem VFB-Tor erinnerte. Mir gelang es allerdings nicht einmal mehr, dem Text zu folgen. Die dafür zuständige Hälfte meines Gehirns beschäftigte sich eigenmächtig mit dem hüstelnden Security-Mann. Was für eine Information hatte der Glatzkopf per Funk weitergegeben? Hatte sie mit mir zu tun? Sollte die eigentümliche Schleuse, die wir am Einlass passiert hatten, tatsächlich einer dieser hypermodernen Körperscanner gewesen sein, die Gerüchten zufolge bereits verdeckt eingesetzt wurden? Waren wir unbemerkt durchleuchtet worden? Doch warum war ich dann nicht gleich, am Eingang, rausgefischt worden? Das ergab doch alles keinen Sinn.

Vielleicht bekamen bestimmte Sicherheitsleute einfach nur vorgeschrieben, wo sie hinzuschauen hatten, versuchte ich mich zu beruhigen. Zugleich starrte ich angestrengt auf das Geschehen auf der B-Stage, um nicht unversehens von dem Glatzkopf dabei erwischt zu werden, wie ich seine Blickrichtung checkte.

Doch als der Titel endete und es „Wo sind die Hände, Stuttgart?“ durch die Arena schallte, hielt ich es nicht mehr aus. Unauffällig schielte ich zum Security-Mann, der mich an eine alte Putzmittelwerbung erinnerte. Hinter der Bühnen-Absperrung wuselten ein paar Roadies in Schwarz herum, dazwischen, wie eine Säule der Ruhe, ein weißes T-Shirt. Meister Proper blickte nach rechts. Ich atmete tief durch.

Verfolgungswahn, dachte ich. So etwas kann man sich einfangen, wenn man ein Geheimnis mit sich trägt. Das Geheimnis von etwas Unrechtem, das man tut.

 

Trotz dieser Einsicht – oder unbewusst gerade wegen ihr, gewissermaßen um mich unauffällig zu verhalten –, begann ich ab dem Augenblick, in dem mir der Stein vom Herzen gefallen war, mich zu bewegen. Genaugenommen wippte ich nur etwas stärker im Takt als vorher. Jasmin bemerkte dennoch bald, dass sich in mir ein Knoten gelöst hatte. Grinsend forderte sie mich mit einer Kopfbewegung auf, mit ihr im Stehen weiterzutanzen. Ich deutete mit auf meinen Wangenknochen gehaltenen Zeigefinger an, was ich davon hielt, aber ihre Idee schien bereits ins kollektive Unterbewusstsein übergesprungen zu sein, denn genau in dem Moment erhob sich vor uns die halbe Sitzreihe. Andere Gäste waren also ebenso wie ich von diesem Polter-Sound überzeugt worden.

„Die letzte Minute hat begonnen“, verkündete der Frontmann von Martyrium schmetternd in das Stampfen aus den Lautsprechern hinein. „Die wollen wir feiern! Macht nochmal Lärm, Stuttgart!“

Stuttgart gehorchte, Jasmin sprang auf, weil sie im Sitzen nun sowieso nichts mehr sah, ich folgte ihr. Nach kurzem Protest erhoben sich auch Besucher in den Reihen hinter uns, was ich allerdings nur im Augenwinkel wahrnahm, weil meine Aufmerksamkeit schon wieder dem Security-Mann im weißen T-Shirt galt. Dass er jetzt von neuem zu uns hoch starrte, hätte mir eingeleuchtet, wenn die Tribünen-Blocks neben uns nicht ebenfalls längst mit Sitzplatz-Flüchtigen bevölkert gewesen wären. Warum sieht er ausgerechnet zu uns?, fragte ich mich wieder. Bin ich wirklich paranoid oder geht’s mir gleich an den Kragen?

Aus Verlegenheit schaute ich auf meine Armbanduhr und realisierte, wie schnell die Zeit verflogen war. Innerhalb einer reichlichen halben Stunde hatte es wieder einmal eine Vorgruppe geschafft, die Mehrheit eines, zu Beginn überwiegend skeptischen Publikums für sich zu gewinnen. Ich sah auf – und dem Security-Mann quasi in die Augen.

 

Alles Weitere muss sich innerhalb von zwei, maximal drei Minuten abgespielt haben. Die MC verkündete schallend abwechselnd mehrmals jeweils die „letzte Minute“ und pries seine aktuelle Scheibe, die „Klick in die Kuh-Zunft“ heißt, an. Am Anfang dieser Phase war noch deutlich zu verstehen, was er sagte oder rappte. Seine Stimme hob sich noch klar vom Wummern der Bässe und Drums, von den Misslauten aus den Synthesizern, vom Jubel der begeisterten Menge, ab. Doch im Laufe weiterer, dröhnender Sekunden fragte ich mich, ob die Gesangsmikrofone allmählich ausgeblendet oder ob die Menschenmassen stetig lauter wurden.

Neben mir tanzte Jasmin, selbstvergessen im siebten Himmel des Hip-Hop-Teufels. Auch die vor mir tanzten, so wie die hinter mir und die in den Blöcken neben an. Alles tanzte. Zumindest kam es mir so da noch so vor. Ich schaute mich ja nicht um. Ich starrte wie hypnotisiert, mich unsinnigerweise mit leicht eingezogenem Kopf hinter meinem Vordermann zu verstecken versuchend, an dessen Ohr vorbei, auf den Security-Mann im Bühnengraben.

In meinem Hirn lief die Suche nach einer Erklärung auf Hochtouren. Waren die Verantwortlichen vorhin am Eingang gerade anderweitig beschäftigt gewesen und nun hatte mich einer von ihnen wiedererkannt? Oder waren die mutmaßlichen verdeckten Körperscanner gar schon so hochentwickelt, dass sie bei einem Treffer automatisch ein Foto des Verdächtigen schossen, welches gespeichert wurde und allen Sicherheitsleuten, gewissermaßen als Fahndungsfoto, zur Verfügung stand?

Während ich Sinn und Unsinn dieses Gedankens gegeneinander abwog, registrierte ich vor dem Tunnel, der vier tanzende Konzertbesucher neben mir in die Katakomben führte, eine Veränderung. Ich musste meinen Kopf nur geringfügig drehen, um zu sehen, wie einige Security-Leute mit weißen Oberteilen aus jenem Tunnel heraus in den Halleninnenraum traten, irgendwie unschlüssig, suchend, umher-, teils zu Martyrium, unter anderem aber auch zu uns schauten.

Daran zweifelnd, dass der Sicherheitsdienst allein wegen mir Teile seiner Kräfte vor unserem Tribünenblock zusammenzog, schwenkte ich zu Meister Proper zurück und fühlte mich sofort in der Falle. Die rechte Hand vor dem Mund, führte die linke des Security-Mitarbeiters, ohne dass er mich aus den Augen ließ, eine Bewegung aus, die die Schlussphase meines Konzertbesuchs einläutete.

 

Jene letzten Sekunden schienen in Zeitlupe abzulaufen. Aber das psychologische Phänomen der Zeitverlangsamung, das wohl in Situationen hochgradiger akuter Gefahr auftreten kann, nutzte mir nichts mehr. Angeblich soll es ja dem Gefährdeten ermöglichen, überscharf zu erkennen, was gerade geschieht, um schnell und effektiv reagieren zu können. Bei mir kam es zu spät. Erst jetzt, fast vierundzwanzig Stunden später, beginne ich nach und nach die Ursachen oder Bedeutungen der einzelnen Informationen und Eindrücke, die da in Überfülle auf mich einprasselten, zu verstehen.

Die Zeitlupe begann, als Meisters Propers Hand sich hob, bis sein Finger genau auf mich deutete. Sein Blick wanderte zu seinen weißen Brüdern hinüber. Anscheinend kommunizierte er mit ihnen. Immer mehr von ihnen wurden sichtbar. Immer mehr schauten zu mir. Nun auch einige ihrer Kollegen in Schwarz. Propers Finger führte eine kreiselnde Bewegung um mich herum aus. Einkreisen! Umzingeln! – was sollte es sonst bedeuten? Zugleich begann der absurd übertriebene Abspann der kurzen Show von Martyrium: Künstlicher Nebel wurde an ungewöhnlichen Stellen durch die Halle geblasen, Gold- oder Silberregen rieselte herab, nicht nur über der Bühne. Kindisch! Sind wir hier bei DSDS?, schoss es mir sarkastisch durch den Kopf.

...

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