Bei Amazon sind immer die ca. ersten zehn Prozent eines Buchs als Leseprobe veröffentlicht. Der unten stehende Auszug würde ungefähr S.150 bis S.155 des Romans FINSTERES SCHWEIGEN entsprechen.


Dienstag, 08.10.2019, 00.02 Uhr, Unterlandklinik

 

Marc erwachte tatsächlich in einem stillen Nichts. Dann fühlte es sich an, als ob er langsam aus einer Untiefe auftauchen würde. Aber er konnte die Wasseroberfläche nicht durchstoßen. Seine Augen schienen mit irgendetwas zugeklebt zu sein, denn er bekam sie nicht auf.

Er erinnerte sich an das, was passiert war. An die auf ihn herabsinkende Drohne. An die Explosion. An den Panzer, der ihn vermutlich überrollt hatte. Demzufolge lag er also in einem Krankenhausbett. Da die für ein Krankenhaus typische Geräuschkulisse fehlte, musste es Nacht sein. Aber irgendetwas stimmte nicht mit dieser Stille. Während er versuchte, hinter das Geheimnis zu kommen, erfasste ihn bleierne Müdigkeit und zog ihn in die Tiefe zurück.

Irgendwann später gelang es ihm dann doch, seine Augen zu öffnen. Gedankenklar und unaufgeregt begann er seine Lage zu analysieren.

Er lag auf dem Rücken in einem dunklen Zimmer. Sicher in einem Bett. Die über seine Nase gestülpte Sauerstoffmaske oder deren Befestigung drückte unangenehm. Die Raufasertapete über ihm schimmerte blass bläulich. Hinter seinem Kopf piepte es leise rhythmisch. Das musste sein eigener Puls sein, synthetisch von einem kleinen Computerlautsprecher wiedergegeben.

Ein weiteres sanftes Geräusch drang zu ihm durch. Er bewegte seine Pupillen und fand den Urheber: Hinter dem schwarzen Horizont seines Kopfkissens schimmerte im Farbton der Zimmerdecke ein Plastikkästchen. Eine von Monitoren angestrahlte Infusionspumpe. Die blaugrün leuchtenden Bildschirme oder deren rotierende Speicher summten irgendwo am Kopfende seines Bettes vor sich hin. Die Pumpe hing an einem glänzenden Ständer. Sie presste, im Sekundentakt knackend, eine unsichtbare Flüssigkeit aus der Glasflasche, die darüber hing, in einen Plastikschlauch. Marc versuchte, mit den Augen dem Schlauch nach unten zu folgen. Am schwarzen Kopfkissen-Steilhang war Schluss.

Das Schauen strengte ihn an. Er schloss die Augen und wurde blitzartig erneut von den letzten Bildern seiner Odyssee durch Heilbronn überflutet. Der Panzer erfasste ihn noch einmal, ohne dass Marc das erschütterte. Im Gegenteil, er war sich darüber im Klaren, dass er träumte, und sogar, dass er nur aufgrund starker Medikamente so gelassen blieb. Interessiert beobachtete er aus der Innenperspektive heraus, wie er zu Boden gerissen wurde und wie das Monstrum seine Beine überrollte. Er konnte sich nicht erinnern, diesen Moment noch bewusst erlebt zu haben. Gespannt wartete er darauf, wie es nun weiterging. Würde er gleich sehen, was mit ihm geschehen war, während er längst bewusstlos gewesen war? Das metallische Dröhnen des Panzermotors erfüllte die Szene. Ein Knall beendete alles.

Bild und Ton waren weg.

Marc hatte die Augen offen und sah wieder die blauschimmernde Zimmerdecke. Irgendetwas in der Traumsequenz hatte nicht zusammengepasst.

Der Knall.

Wenn er zu dem kurzen Flashback gehört hatte, dann war die Reihenfolge falsch. Die Explosion hatte ihn quasi direkt vor den Panzer geschleudert – der Knall hätte demzufolge die Szene einleiten müssen, nicht beenden dürfen.

Hatte er also ein reales Geräusch gehört?

Er musste versuchen, es herauszubekommen, mehr zu sehen – sich zu bewegen. War er in der Lage, den Kopf zu drehen? Es gelang. Vorsichtig ließ er ihn der Bewegung seiner Pupillen folgen. Vielleicht zwei Meter entfernt schillerte etwas Glattes. Glas.

Ein Stück einer Scheibe. Den unteren Teil davon schien sein Kopfkissen zu verdecken.

Mehr bewegen!

Er spannte seine Nackenmuskeln an, hob den Kopf und sah die komplette Glaswand, die von der Decke bis zu einem Sockel, einen knappen Meter über dem Boden, hinunter reichte. Auf ihr spiegelten sich die leuchtenden Überwachungsmonitore, der Infusionsständer und auf der anderen Bettseite weitere Ständer mit Glasflaschen und Unmengen von Kabeln, die in Richtung Bett strebten. Von all dem konnte er nur Schemen ausmachen. Aber die waren deutlich genug, um zu erkennen, dass er sich auf einer Intensivstation befand. Sein Gesicht lag im Schatten seines an Struwwelpeter erinnernden Haarschopfes. Zweifellos die Kabel eines EEG.

Hinter der Glaswand war es stockdunkel. Was befand sich dort? Der Flur? Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er mehr zu erkennen. Alles schien zu verschwimmen.

Doch allmählich ... Ja, die von der Nacht aufgeweichten Konturen hinter der Scheibe ließen eine schmale Räumlichkeit erahnen. Zuerst eine wenige Meter entfernte Wand mit einem Handlauf. Dann der Umriss eines Bildes, vielleicht auch der einer verglasten Durchreiche oder etwas Ähnlichem. Und rechts, am Scheibenrand, eine große Topfpflanze.

Oder nicht?

Eine Erkenntnis bohrte sich wie ein Giftpfeil durch den Schleier, in den die Psychopharmaka seine Fähigkeit, Angst zu empfinden, gehüllt hatten. Seine Haare stellten sich auf.

Er starrte auf den Schatten wenige Zentimeter hinter der Scheibe. Die Kontur sah für eine Pflanze viel zu menschlich aus. Die vermeintlichen, halb von der Zimmerecke verdeckten Monstera-Blätter bewegten sich und gleichzeitig spürte Marc, dass sein Kopf zu zittern begann. Er ließ ihn ins Kissen zurücksinken. Das Anspannen der Nackenmuskeln hatte seine dürftigen Kraftreserven aufgebraucht. Der Vitalzeichen-Monitor über ihm piepte lebhaft.

Zweifellos stand da jemand vor seinem Zimmer. Aber wer? Die Nachtschwester? Oder war das nur wieder eine Halluzination?

Ein dumpfes Rattern mobilisierte noch einmal sämtliches verfügbares Adrenalin. Es gelang ihm, seinen Kopf für einen Augenblick erneut anzuheben und er wusste die Antwort auf seine letzte Frage: Er hatte nicht halluziniert. Die gläserne Schiebetür war aufgeschoben worden, der Schatten war ins Zimmer getreten und hatte sein Gesicht gezeigt. Von den Monitoren nur schwach angestrahlt, hatte Marc es dennoch sofort erkannt. Es war der Mann, dem er aufgrund seines imposanten Schnauzbarts den Namen eines alten Monarchen verpasst hatte. Er hatte sich eine recht ungewöhnliche Zeit ausgesucht, um endlich mit ihm zu reden, fand Marc.

Grinsend, im Arztkittel, mit Stethoskop um den Hals, in der Hand eine Spritze haltend, trat Kaiser Wilhelm zu ihm ans Bett. „Herr Bauer?“

Das war das erste Mal, dass Marc den Mann sprechen hörte. Die dunkle, aber eher weibliche Stimme passte nicht zu dem massigen Schädel. So wie auch der weiße Kittel, das Stethoskop und das schwere, süße Parfüm, das er trug, irgendwie nicht zu Wilhelm passten. War das nun sein Kollege oder nicht?

Marc schüttelte den Kopf, das Nein blieb ihm im Hals stecken. Er wollte die Augen schließen, sich schlafend stellen. Doch die Spritze in Wilhelms Hand überredete ihn, wach und wehrhaft zu bleiben.

Der Glatzkopf beugte sich zu ihm herunter. Er kam so nah heran, als wollte er ihn küssen. „Herr Bauer“, schnurrte er wie ein Kater, dabei hoben sich die Spitzen seines kaiserlichen Schnauzers zu einem zufriedenen Lächeln.

Die Worte durchdrangen Marc. Wer zum Teufel war Bauer? Ich bin es nicht, wollte er schreien, und: Wer sind Sie, was haben Sie vor?, doch er kriegte keinen Ton heraus.

„Wir wissen alles über unseren Herrn Bauer“, gurrte es so dicht über ihm, dass er den Lufthauch jedes einzelnen Konsonanten auf der Haut spürte. „Auch sein kleiner Wutausbruch im Park ist uns nicht verborgen geblieben. Böser Junge.“

Der Kaiser schüttelte den Kopf und atmete gespielt verärgert aus. Die Luft aus seiner Nase strich über Marcs Oberlippe. „Er glaubte, uns entkommen zu können, was? Aber er hat die Falschen erwischt und nun hat er die auch noch auf dem Hals. Aber wir werden unseren Herrn Bauer nicht länger leiden lassen.“

Wilhelm richtete sich auf. Er drückte mit dem Daumen auf den Kolben, etwas Flüssigkeit spritzte aus der nach oben gerichteten Kanüle. Den Kaiser schien das zu amüsieren.

„Wir werden dem Herrn Bauer jetzt etwas injizieren. Aber es wird ihm nicht wehtun. Wir müssen ja nicht einmal piksen, dank unseres vorbildlich angelegten venösen Zugangs.“

Verdammt, er wollte ihn tatsächlich umbringen. War der Typ noch bei Trost? Und wie redete er mit ihm? Ganz sicher nicht wie ein Arzt, wohl eher wie ein Psychopath. Verdammt, und er konnte sich kaum rühren, hatte keine Kraft in den Armen. Falls ein weiterer Patient in seinem Zimmer lag, konnte der ihm sicher auch nicht helfen. Wenn jetzt keine Hilfe kam, war er verloren. Er hatte keine Chance.

Oder doch?