Bei Amazon sind immer die ca. ersten zehn Prozent eines Buchs als Leseprobe veröffentlicht. Der unten stehende Auszug würde ungefähr S.156 bis S.160 des Romans FINSTERES SCHWEIGEN entsprechen.

„In ein paar Sekunden werden wir schön tief schlafen. Und lange. Sehr, sehr lange.“

Während Marc im Augenwinkel mitbekam, wie Wilhelm den Infusionsschlauch punktierte, erschienen zwei einbandagierte Unterarme in seinem Gesichtsfeld. Seine eigenen Unterarme. Er konnte also mehr als nur den Kopf bewegen. Im Rücken der rechten Hand steckte, mit einem schmalen Pflaster festgeklebt, eine Braunüle; an diese angeschraubt der Schlauch, in den Wilhelm gerade ein vermutlich tödliches Präparat spritzte. Wie viel Zeit blieb? Beide Hände waren weitgehend frei von Verbänden. Marc testete, ob die Finger funktionierten, indem er einen halben Takt Luftklavier spielte. Es funktionierte wunderbar.

„Herr BAUER! Jetzt bleiben wir aber mal schön ruhig liegen. Es ist doch gleich vorbei!“, krähte Wilhelms Altstimme, griff aber nicht ein, als Marcs linke Hand sich am Heftpflaster auf dem Handrücken der rechten zu schaffen machte. Auch noch nicht, als Daumen und Zeigefinger seiner linken den Schraubverschluss mit dem Schlauch umfassten. Die finale Dosis schien noch nicht vollständig im Schlauch zu sein und Wilhelm war wohl kein Freund halber Sachen. Was Marc entgegenkam. Er versuchte am Schraubverschluss zu drehen, praktisch davon überzeugt, dass, was er hier tat, sinnlos war; schließlich verfolgte sein mutmaßlicher Mörder das alles mit einem Auge, und wenn es darauf ankam, war er ihm körperlich haushoch überlegen.

„Herr Bauer!“, schallte es unerwartet verärgert herab und ein hartes Geräusch verriet, dass Wilhelm die Spritze auf den Nachttisch geknallt hatte.

„Jetzt machen wir es uns aber unnötig schwer!“, rief der augenscheinlich falsche Arzt, als plötzlich der vertraute Stromstoß durch Marcs Schädel sauste.

Der Profi! Er war noch da! Dieses ihm fremde Ich, das in einem versteckten Hirnwinkel die Amnesie überlebt hatte. Das in ihm wohnte und immer einsprang, wenn es kritisch wurde. Der Profi übernahm.

Verblüfft hörte Marc sich aufschreien, spürte kurz einen Schmerz von der rechten Hand aus durch seinen Körper zucken, als seine linke den Schlauch mitsamt der soeben herausgerissenen Braunüle der Wilhelm abgewandten Bettseite zu schnellte, und Wilhelm wie eine mäusejagende Katze quer über das Bett der flüchtenden Hand hinterherhechtete. Er spürte, wie sich die Muskulatur im linken Arm blitzschnell anspannte und seine Hand mit der Braunüle blind zustieß.

Das Quieken eines Schweins auf der Schlachtbank, als die hier leider der Oberkörper eines ans Bett Gefesselten diente, ließ Marcs Trommelfelle über die Schmerzgrenze hinaus vibrieren. Kurz bevor sie zu zerreißen drohten, erstarb der schrille Ton wie eine abgebremste Schallplatte. Ein Hecheln folgte. Dann noch ein kurzes Zittern, und es war still.

Beinahe.

Dicke Tropfen klatschten zunehmend schnell neben dem Bett auf den Boden. Weil ein guter Zentner Wilhelm auf Marcs Brustkorb drückte und ihm am Einatmen hinderte, aktivierte er seine letzten Kraftreserven, packte den Leblosen an der Schulter und drückte sie weg, wodurch sich das Gesicht ihm zuwandte. Auf dem Flur ging Licht an. Es beleuchtete die Braunüle, die bis zum Anschlag in einem dunklen, tropfenden Matschklumpen in einer von Wilhelms Augenhöhlen steckte. Marc verließen die Kräfte. Während er den Kaiser zurücksinken ließ, begann sich alles zu drehen und ihm wurde übel. Auf seinem Sinkflug in die Tiefe begleiteten ihn aufgeregte Stimmen. Sie riefen ihm wieder diesen fremden Namen hinterher, denselben wie Wilhelm vor wenigen Minuten.

 

02.34 Uhr

 

Sein nächstes nächtliches Erwachen war kurz und schmerzhaft. Er lag wieder mit offenen Augen da, starrte zur bläulichen Decke und lauschte dem rasenden Piepsen aus dem Lautsprecher. Er schwitzte stark. Die Sauerstoffmaske war weg. Aber auch der Druck auf den Brustkorb.

Marc hob leicht den Kopf, Wilhelms Körper lag nicht mehr auf seinem. War das ganze irrwitzige Erlebnis nun ein Traum gewesen?

Wie auch immer, Marc fühlte sich auf jeden Fall wesentlich kräftiger als bei seinem letzten Erwachen. Er hob seine Arme, bewegte die Finger durch, besah sich die Verbände. Die Braunüle steckte wieder unter einem nun breiteren Pflaster in der rechten Hand.

Mühelos gelang es ihm, sich auf einen Ellenbogen gestützt aufzurichten. Unten, neben dem Bett, hob sich ein fußabtretergroßer Fleck dunkel schillernd vom helleren PVC-Boden ab. Wilhelms Attacke war also kein Traum gewesen. Aber wieso war sein Körper weggeschafft, der Blutfleck aber nicht weggewischt worden?

Plötzlich erfasste Marc das heftige Bedürfnis, aus diesem Bett, aus diesem Raum, ja, aus diesem Krankenhaus, zu verschwinden. Irgendetwas stank hier gewaltig zum Himmel. Das pharmakologisch hervorgerufene Gefühl der Unbeschwertheit und Freiheit täuschte augenscheinlich über seine tatsächliche Situation hinweg. Denn er war alles andere als frei. Er wurde hier festgehalten. Lediglich aus einem Grund war er nur nachlässig mit Schläuchen, Kabeln und ein paar Beruhigungsmittelchen an sein Bett gefesselt worden: Weil man seine Kraft, vor allem die seines Willens, unterschätzte.

Es gab keine Zeit zu verlieren. Nicht eine Sekunde. Die Fluchtidee war unverzüglich zu verwirklichen.

Im Begriff, sich an die Bettkante zu schwingen, um zu testen, ob seine Füße ihn tragen würden und sein Kreislauf stabil bliebe, verlor er unbegreiflicherweise den Halt. Begleitet von einem kurzen, heftigen Luftzug stürzte er kopfüber auf den Boden. Ein klirrendes Krachen folgte.

Einen Augenblick lang war sich Marc nicht sicher, ob er wieder das Bewusstsein verlieren würde. Dann stach es in seiner rechten Hand. Der Sturz hatte die Kanüle erneut herausgerissen. Marc sah unter dem Bett hindurch auf der anderen Seite den Infusionsständer liegen. In einer Pfütze schillerten Glasscherben im Licht, das auf dem Flur wieder angegangen war.

Marc fasste sich an den Kopf. Die EEG-Kabel hingen seltsamerweise noch fest. Wenn er jetzt noch flüchten wollte, musste es sehr schnell gehen.

Seine Gesäßknochen taten ebenfalls weh. Marc stützte sich auf die Ellenbogen, schaute an sich herunter – und vergaß für einen Moment den Gedanken an eine Flucht.

Seine Unterhose klebte in der noch nicht ganz trockenen Lache aus Wilhelms Blut, da, wo seine Beine hätten sein müssen, guckten zwei verbundene Stümpfe aus dem Nachthemd.

Er begriff, warum er auf der Bettkante das Übergewicht bekommen und sich nicht hatte halten können: Er hatte zu viel Schwung gehabt für einen Körper ohne Füße, die ihn normalerweise abgefangen hätten.

Dann hörte er Stimmen. Noch leise, doch sie kamen näher. Zu allem Übel war auch das Stechen in der Wange plötzlich wieder da. Nicht so stark wie in den letzten Tagen. Aber lästig. Von einem Gemisch aus Wut und Trotz angetrieben, riss er mit einem Ruck das komplette Bündel Kabel von seiner Kopfhaut und robbte über den glitschigen Boden auf eine Tür zu, die dem Flur gegenüber lag. Als er unverhofft eine laute Stimme direkt über sich hörte und sich danach umdrehte, aber niemanden sah, schlug er in panischem Entsetzen wild um sich.

„So fühlt sich das an, wenn du den Verstand verlierst“, rief der Profi aus der Tiefe des Kopfes, anscheinend begeistert über die Action, während eine reale, aber unsichtbare weibliche Person von außen, genauer von oben, verärgert, fast wütend, unermüdlich „Herr Bauer!“ repetierend, auf ihn einredete. Neben diesem Namen warf ihm die Unsichtbare unzählige weitere zusammenhanglose Wörter um die Ohren. Ihren Sinn versuchte Marc vergeblich zu begreifen. Zugleich jagte eine einzelne Gehirnregion flüchtenden Gedanken nach. Bevor diese Gedanken beschlossen hatten zu desertieren, waren sie vergeblich damit beschäftigt gewesen, das ganze Geschehen in irgendeinen Kontext zu bringen.

Als auch noch Geisterhände aus dem Nichts nach ihm griffen, schlug die Flut aus herumwirbelnden, sinnlosen Wörtern, aus hämmernden Wangenschmerzen und aus Angst über ihm zusammen.

„Ich will nicht ertrinken!“, versuchte Marc trotzig zu schreien, verschluckte sich aber nur an der braunen Brühe, in der er hustend und würgend versank.