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Zwei Monate zuvor
Das schrille Piepsen des Schwesternrufs ließ sie zusammenfahren.
Ihr Liebling.
Sie nahm die Füße vom Stuhl und legte die Zeitschrift mit den ersten Farbfotos
aus der menschlichen Blutbahn auf den Schreibtisch, blieb aber noch sitzen.
Lauschte in die nächtliche Stille vor der Dienstzentrale. In die trügerische.
Denn genaugenommen war das skurrile Treiben gestern erst nach dem
Dreiviertelzwölfläuten der unbekannten Turmuhr losgegangen. Es war also noch
nicht ausgestanden.
Bim ... Wie auf Kommando schlug leise die Glocke. Drei Mal.
Larissa holte das Kamerabild von Langers Zimmer auf den Monitor. In
seinem Bett bewegte sich etwas – er schien die Hand zu heben.
Sie schwang sich aus dem Drehstuhl hoch, griff den Roller, der vor der
Tür an der Wand lehnte, und stieß sich ab. Das luftbereifte Gefährt glitt
fast lautlos über den schummrigen Gang.
Als sie um die Ecke gebogen war und den Roller vor 334 abstellte,
schnellte ihr Kopf unwillkürlich nach hinten. Natürlich war niemand zu sehen,
trotzdem erfasste sie erneut das unangenehme Gefühl, hier, auf dem stillen
Flur, keineswegs alleine zu sein.
Zügig öffnete sie die Tür, tippte mit dem Zeigefinger auf die Anwesenheitstaste,
rechts neben dem Türrahmen, und brachte damit auch die dezente Nachtleuchte
unter dem Board an der Wand zum Glimmen. Ihr Blick fiel auf die Wanduhr,
eineinhalb Meter weiter oben, in der sich die Infrarotkamera verbarg.
Ihr Liebling hob zitternd die Hand.
„Was ist, Herr Langer?“, flüsterte sie. Mit etwas Abstand wegen seiner
leicht feuchten Aussprache beugte sie sich zu ihm herunter. Der Mann mit dem
runden kahlen Kopf versuchte zu lächeln, soweit sie das in der Dunkelheit
erkennen konnte.
„Tassen“, stieß er leise hervor. Dabei lächelte er, eindeutig. Tat er
das etwa nur in ihrer Gegenwart? Laut Dokumentation war er permanent
depressiv.
„Schmerzen? Haben Sie wieder ...?“
„Äh, äh!“ Der am Parkinson-Syndrom Leidende schüttelte energisch den
Kopf.
Falsch getippt. Gestern hatte sie ihm mit Tropfen helfen können.
„Tassen nassen.“ Er schlug die Decke zurück und deutete zitternd auf
den mittleren Teil seines Betts.
„Wasser lassen?“
Verschämt nickte er.
„Kein Problem.“ Sie half ihm an den Bettrand und zog ihm die Pantoffeln
über. „Sehr vernünftig von Ihnen, zu klingeln. Aus Ihrem letzten Sturz haben
Sie sicher Ihre Lehren gezogen?“
Eine Geste seiner Hände sagte: Was will man machen?
„Also, gehen wir“, ermunterte sie ihn.
Grelles Licht, das automatisch anging, blendete sie beim Betreten der
fensterlosen Nasszelle. Ein bleiches, spitzes Gesicht mit dunklen Augenringen
starrte ihr aus dem Spiegelschränkchen über dem Waschbecken entgegen. Das war
nicht mehr die, zu der noch vorletzte Woche jemand gesagt hatte: „Wie vierzig
siehst du wirklich nicht aus, dreißig höchstens!“ Die wenigen, hinter ihr
liegenden Nächte in diesem Pflegeheim hatten anscheinend bereits ihre Spuren
hinterlassen. Larissa wandte sich ab.
Endlich auf seinem Reiseziel sitzend lächelte der Kranke wieder mit
feuchten Augen. „Danke, Schwester Lara.“
„Ist es recht, wenn ich draußen warte, Herr Langer?“
Stirnrunzelnd nickte er.
„Sie klingeln einfach noch mal. Ich bin in der Nähe.“
Geräuschlos schloss sie die Zimmertür vom Flur aus. Um die genaue Uhrzeit zu
erfahren, nahm sie den Pager aus der Kitteltasche und klappte ihn auf. Das
Display leuchtete blau in der Dämmerung der wenigen Energiesparlampen. 23.58
Uhr. Wenn der oder die vermeintlich Schlaflose regelmäßig, immer zur gleichen
Zeit, aktiv wurde, müsste er oder sie momentan unterwegs sein.
So leise es ging rollte sie durch den Dreierbereich zum Glasturm. Die
Lämpchen unter den Schutzleisten, ringsherum auf dem Gang, unterbrachen die
Dunkelheit gerade genug, um nicht an einen Pflegewagen zu stoßen. Unter den
Glaskuppeln hatten laut Anweisung alle Lampen aus zu sein, sofern sich
niemand dort aufhielt. Nur der Mond zeichnete einen matten Lichtfleck und das
Muster der Glaseinfassungen auf den Kunststofffußboden.
An der Ostseite des Turmes huschte ein einsames Scheinwerferlicht
vorbei. Es glitt als weißer Streifen die Wand entlang und verschwand. Etwas
weiter weg, blassblau leuchtend, der Neonquader des Bürohochhauses an der B
27. Davor, weiter unten, markierte die horizontale Linie eines grau
schimmernden Geflechts die Grundstücksgrenze. Warum der hässliche, mit
Stacheldraht überzogene Sicherheitszaun, der das HCC umgab, bis heute nicht
beseitigt worden war, hatte ihr noch keiner verraten.
Sie rollte ins innere Halbrund und blieb einen Meter vor der Scheibe
stehen. Von hier aus konnte sie den Innenhof und die anderen drei
Innenfassaden des Riesenklotzes komplett überblicken. Die halbrunden
Glasanbauten, intern Glastürme genannt, thronten jeweils in der Mitte der
vier gleich langen Gebäudeflügel.
Der zunehmende Mond und die meisten Sterne schienen sich gerade in dem
Moment hinter einem silbern schillernden Vorhang aus Zirruswolken zu
verstecken, als Larissa nach oben sah.
Hinter ihr knackte es, sie fuhr herum.
Im diffusen Licht sah sie nichts als ein bleiernes Stilleben vor sich:
schemenhafte Möbel, graue Kratzputzwände, viel Glas und ein Ungeheuer, das
tagsüber als Gummibaum bezeichnet wurde.
Das Holz der von der Sonne noch aufgeheizten Möbel kühlte sich
anscheinend ab und hatte an einer Reibungsstelle jenen trockenen Ton erzeugt.
Hatte sie nicht einmal gelesen, dass eine Seele im Raum sei, wenn das Holz
knackte? Ich bin ja hier und es hat nur einmal geknackt, suggerierte sie
sich.
Ihre Augen tasteten die dunklen Fensterreihen der gegenüberliegenden
Fassade ab. Teilweise reflektierten die Scheiben den Himmel, aber nach
genauerem Hinsehen erkannte sie im Südflügel in den unteren Etagen graue
Flecken: die entlang der Fensterfront aufgereihten Betten, drei bis fünf pro
Zimmer.
Was wohl ihre beiden Kollegen gerade machten? Da alles finster war,
auch direkt unter ihr kein Licht auf die Wiese oder die Platten im Hof fiel,
mussten sie sich in Zimmern auf der Außenseite aufhalten. Sie holte noch
einmal den Pager heraus und wählte die Positionsbestimmung. Richtig vermutet.
Beide waren auf verschiedenen Außenseiten zugange.
Sie betrachtete die Glastürme. Auf der anderen Seite, im ersten Stock,
in der Dienstzentrale des Einserbereichs, schimmerte die Schreibtischplatte.
Auch in der zweiten Etage. Sie hob den Kopf – und schreckte zusammen.
Zugleich meldete sich stechend ihr Magen.
Da drüben stand jemand und starrte zu ihr herüber! Völlig unbeweglich.
Auf diesem Stockwerk. Wie sie, in der Mitte des Anbaus. Nur etwas weiter
hinten im Raum.
Da ist es also, das Phantom. Wenn es nicht erkannt werden wollte, so
gelang ihm das hervorragend. Lediglich etwas Helles, vielleicht ein Nachthemd
oder Pyjama, zeichnete sich verschwommen vom schwarzen Hintergrund ab.
Sollte sie sofort hinüberrollen und nachsehen, wer da nicht schlafen
konnte? Sie zögerte. Wenn sie an die vergangenen zwei Nächte dachte ... – das
Misslingen der Aktion war abzusehen. Sie verspürte keine Lust, atemlos drüben
anzukommen und zum x-ten Mal in einem gottverlassenen, düsteren Flur vor
einem menschenleeren Glasanbau zu stehen.
Das helle Kleidungsstück mit dem bleichen Fleck eines angedeuteten
Gesichts darüber verharrte reglos. Ungeachtet ihres pulsierenden
Trommelfells, versuchte Larissa positiv zu sehen, dass die Person sich nun
wenigstens gezeigt hatte. Das war besser als flüchtende Geräusche, die stets
schneller waren als sie. Und sie wusste jetzt, das Phantom trug heute ein
helles Nachtgewand. Wenn sie beim nächsten Rundgang unter die eine oder
andere Bettdecke schaute, konnte sie vielleicht ein paar von ihnen
ausschließen.
Das Stechen im Magen war weg, ihr Puls beruhigte sich. Sie ließ das
Nachthemd schweben und wandte sich ab, um nach Herrn Langer zu schauen.
Ihr Liebling stand bereits fertig angezogen im Bad. Er hielt sich zitternd
mit beiden Händen am Griff an der Wand fest und traute sich offenbar nicht,
alleine zum Bett zu gehen.
„Warten Sie schon lange?“, fragte sie.
Er winkte lächelnd ab.
Sie legte wieder ihren Arm um seinen Rücken und die beiden machten sich
auf den beschwerlichen Weg zurück zu seiner Schlafstätte. Während er sich
ganz auf seine Schritte konzentrierte, dachte sie über ihn nach.
Wie die meisten anderen Bewohner hatte auch Herr Langer statt
Angehörige oder Verwandte, die ihn besuchten, einen Betreuer, der vom
Sozialamt bezahlt wurde. Depressionen plagten ihn zweifellos, sie kannte die
Symptome zu gut. Aber andererseits war er zumindest während ihrer Anwesenheit
alles andere als gleichgültig. Eher humorvoll – gerade deshalb hatte sie ihn
schließlich schon ins Herz geschlossen.
Für ein Leben im Pflegeheim war er jedenfalls definitiv zu jung.
Dreiundzwanzig Jahre älter als ich, rechnete sie ... Sie kannte einige Paare
mit großem Altersunterschied zwischen den Partnern. Sympathisch war er. Wenn
er nicht so krank wäre ... Dass sie ihm gefiel, war jedenfalls nicht zu
übersehen.
Er lief etwas besser als vorher. Auf dem Bett sitzend strahlte er sie
an, als habe er ihr Gedankenspiel mitgehört.
„Werden Sie schlafen können? Oder brauchen
Sie Ihre Tropfen?“
Er winkte ab. „Brauche nicht viel Schlaf. Schmerzen sind auch weg, wenn
Sie da sind.“ Listig schielte er sie von unten an.
Aha, der erste eindeutige Flirtversuch.
Im Gehen wiederholte sie für sich die Namen der vier Herren in 334, die
sich nicht geregt hatten, während sie mit Langer beschäftigt war. Da auf
ihrem Stockwerk nur neun Männer wohnten, hatte sie deren Namen zuerst
behalten. Zwei von ihnen, Langer und ein Herr im Einserbereich, schienen die
einzigen nicht Verwirrten auf der Etage zu sein, die manchmal wach waren, mit
denen sie sich also gelegentlich unterhalten konnte.
An der Tür winkte sie ihrem Liebling kurz zu. Fast schon draußen,
fragte sie sich, ob Debautzki, Langers Bettnachbar, tatsächlich gerade
geblinzelt hatte.
Sie rollte an ihrem Stützpunkt, der Dienstzentrale des Zweierbereichs,
vorbei. An der Ecke zum Einserbereich sah sie kurz mit Bedauern zur Kamera
ganz oben, im Winkel. Das Phantom wäre eventuell schon enttarnt, wenn sie die
Aufnahmen der Flurkameras ansehen könnte. Leider durften das, ebenso wie bei
den Kameras in den Dienstzentralen, allein autorisierte Personen unter ganz
bestimmten, strengen Voraussetzungen. Was den Flur betraf, hatte es wohl mit
der Evakuierung im Brandfall und der Feuerwehr zu tun.
Langsam rollte sie in den Einserbereich. Ihre Sinne waren auf Empfang
gestellt. Doch sie hörte nichts außer dem sanften Summen des Windrads auf dem
angrenzenden Gelände hinter den Bäumen, dem leisen Quietschen ihres Schuhs,
wenn sie sich abstieß, dem Rollgeräusch ihres zweirädrigen Dienstfahrzeugs –
und dem Klopfen ihres Pulses.
zu Leseprobe 2 (Seite 8 bis 16)
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