"Symptome", S. 1 bis 8

Böses Erwachen

 

Ihr erstes Erwachen ließ sich nicht von einem Traum unterscheiden. Dem Schauplatz eines bösen Traums in schwarzweiß. Eine Mondlandschaft, auf die sie aus einem Raumschiff heraus starrte: Düster, fremd, kalt, unwirtlich, steinern.
  Als sie das zweite Mal die Augen öffnete, kam jenes Bild ganz kurz hoch. Es verschwand und das Sehzentrum ihres Großhirns begann, die neue Kulisse mit Gespeichertem abzugleichen:
  Linien. Glatt. Gerade. Kalt – Stäbe ...
  Hoch, runter, vor, zurück. Mit Nadelöhren – Schienen ...
  Metallschienen.
  Dazwischen: Säcke. Dunkel. Glatt – Plastiksäcke ...
  Ein Regal. Mit dunklen Plastiksäcken darin.
  Daneben ein hellgrauer Plastikvorhang.
 Die Regalschienen strebten etwas entgegen, das ihr bekannt vorkam: Die Steinlandschaft aus dem Traum.
  Während sie die Dinge als real existierend einzustufen begann, fehlte der Sinn für den Zusammenhang anfangs völlig. Etwa erkannte sie in dem Moment noch nicht, dass es die Betonplatten über ihr waren, auf die sie vorher geblickt hatte. Ebenso wenig den Grund für den Wechsel der Szenerie von Mondlandschaft zu Plastiksäcken: das Kippen ihres Kopfes zur linken Seite.
  Nach und nach erreichten einzelne Empfindungen ihr Bewusstsein: Zuerst ein Stechen im rechten Arm, den sie nicht sah. Dann Kälte. Die Unmöglichkeit sich zu bewegen. Ihr trockener Mund.
  Aber das störte sie nicht. Ihr war alles egal.
  Anfangs.
  Doch irgendwann begann sie, die Situation nicht mehr zu mögen. Und aus einem anfänglichen vagen Unbehagen wurde Angst.
  Dies, das wahrhaftige Zu-sich-Kommen, das Begreifen, das war das Schlimmste, was sie je erlebt hatte. Dabei waren ihre Gedanken unerträglicher als alles Düstere um sie herum. Schlimmer als der Schmerz im Arm. Die nasse Kälte.
  Die scheußlichen Gedanken.
  Mit jeder Erinnerung an ihre letzten Stunden in der Wirklichkeit, mit jedem Herzschlag in ihrem Kehlkopf, kam ein neuer böser Gedanke hinzu: Fessel. Entführung. Kerker. Folterkammer. Bevorstehender Tod. Lebendig begraben. Und jeder dieser Gedanken, zusammen mit der Erkenntnis, dass sie sich nicht bewegen konnte, verwandelte ihre Angst zügig in panisches Entsetzen.
  Und dieses Entsetzen veränderte wiederum ihr Denken aufs neue. Aus Feststellungen und Folgerungen wurden Bitten und Gelöbnisse.
  Vater unser, im Himmel, hilf mir hier raus. Lass mich nicht so enden. Es war ein Fehler. Ich wollte das nicht. Nie mehr gehe ich so ein Risiko ein. Ich schwöre. Schwöre. Schwöre. Schwöre. Schwöre.
 Die Verzweiflung schien über ihrem Verstand zusammenzuschlagen wie Wellen über einer Ertrinkenden.
  Warum kann ich mich nicht bewegen? Bin ich gefesselt? Überall, an Armen und Beinen, sogar am Kopf?
  Vater unser. Vater unser. Vater unser.
  Ihr wurde übel.
  Nein!
  Oder doch. Bitte, lass mich wieder ohnmächtig werden.






 

Zwei Monate zuvor


Das schrille Piepsen des Schwesternrufs ließ sie zusammenfahren.
Ihr Liebling.
 Sie nahm die Füße vom Stuhl und legte die Zeitschrift mit den ersten Farbfotos aus der menschlichen Blutbahn auf den Schreibtisch, blieb aber noch sitzen. Lauschte in die nächtliche Stille vor der Dienstzentrale. In die trügerische. Denn genaugenommen war das skurrile Treiben gestern erst nach dem Dreiviertelzwölfläuten der unbekannten Turmuhr losgegangen. Es war also noch nicht ausgestanden.
 Bim ... Wie auf Kommando schlug leise die Glocke. Drei Mal.
 Larissa holte das Kamerabild von Langers Zimmer auf den Monitor. In seinem Bett bewegte sich etwas – er schien die Hand zu heben.
 Sie schwang sich aus dem Drehstuhl hoch, griff den Roller, der vor der Tür an der Wand lehnte, und stieß sich ab. Das luftbereifte Gefährt glitt fast lautlos über den schummrigen Gang.
 Als sie um die Ecke gebogen war und den Roller vor 334 abstellte, schnellte ihr Kopf unwillkürlich nach hinten. Natürlich war niemand zu sehen, trotzdem erfasste sie erneut das unangenehme Gefühl, hier, auf dem stillen Flur, keineswegs alleine zu sein.
 Zügig öffnete sie die Tür, tippte mit dem Zeigefinger auf die Anwesenheitstaste, rechts neben dem Türrahmen, und brachte damit auch die dezente Nachtleuchte unter dem Board an der Wand zum Glimmen. Ihr Blick fiel auf die Wanduhr, eineinhalb Meter weiter oben, in der sich die Infrarotkamera verbarg.
 Ihr Liebling hob zitternd die Hand.
 „Was ist, Herr Langer?“, flüsterte sie. Mit etwas Abstand wegen seiner leicht feuchten Aussprache beugte sie sich zu ihm herunter. Der Mann mit dem runden kahlen Kopf versuchte zu lächeln, soweit sie das in der Dunkelheit erkennen konnte.
 „Tassen“, stieß er leise hervor. Dabei lächelte er, eindeutig. Tat er das etwa nur in ihrer Gegenwart? Laut Dokumentation war er permanent depressiv.
 „Schmerzen? Haben Sie wieder ...?“
 „Äh, äh!“ Der am Parkinson-Syndrom Leidende schüttelte energisch den Kopf.
 Falsch getippt. Gestern hatte sie ihm mit Tropfen helfen können.
 „Tassen nassen.“ Er schlug die Decke zurück und deutete zitternd auf den mittleren Teil seines Betts.
 „Wasser lassen?“
 Verschämt nickte er.
 „Kein Problem.“ Sie half ihm an den Bettrand und zog ihm die Pantoffeln über. „Sehr vernünftig von Ihnen, zu klingeln. Aus Ihrem letzten Sturz haben Sie sicher Ihre Lehren gezogen?“
 Eine Geste seiner Hände sagte: Was will man machen?
 „Also, gehen wir“, ermunterte sie ihn.
 Grelles Licht, das automatisch anging, blendete sie beim Betreten der fensterlosen Nasszelle. Ein bleiches, spitzes Gesicht mit dunklen Augenringen starrte ihr aus dem Spiegelschränkchen über dem Waschbecken entgegen. Das war nicht mehr die, zu der noch vorletzte Woche jemand gesagt hatte: „Wie vierzig siehst du wirklich nicht aus, dreißig höchstens!“ Die wenigen, hinter ihr liegenden Nächte in diesem Pflegeheim hatten anscheinend bereits ihre Spuren hinterlassen. Larissa wandte sich ab.
 Endlich auf seinem Reiseziel sitzend lächelte der Kranke wieder mit feuchten Augen. „Danke, Schwester Lara.“
 „Ist es recht, wenn ich draußen warte, Herr Langer?“
 Stirnrunzelnd nickte er.
 „Sie klingeln einfach noch mal. Ich bin in der Nähe.“

Geräuschlos schloss sie die Zimmertür vom Flur aus. Um die genaue Uhrzeit zu erfahren, nahm sie den Pager aus der Kitteltasche und klappte ihn auf. Das Display leuchtete blau in der Dämmerung der wenigen Energiesparlampen. 23.58 Uhr. Wenn der oder die vermeintlich Schlaflose regelmäßig, immer zur gleichen Zeit, aktiv wurde, müsste er oder sie momentan unterwegs sein.
 So leise es ging rollte sie durch den Dreierbereich zum Glasturm. Die Lämpchen unter den Schutzleisten, ringsherum auf dem Gang, unterbrachen die Dunkelheit gerade genug, um nicht an einen Pflegewagen zu stoßen. Unter den Glaskuppeln hatten laut Anweisung alle Lampen aus zu sein, sofern sich niemand dort aufhielt. Nur der Mond zeichnete einen matten Lichtfleck und das Muster der Glaseinfassungen auf den Kunststofffußboden.
 An der Ostseite des Turmes huschte ein einsames Scheinwerferlicht vorbei. Es glitt als weißer Streifen die Wand entlang und verschwand. Etwas weiter weg, blassblau leuchtend, der Neonquader des Bürohochhauses an der B 27. Davor, weiter unten, markierte die horizontale Linie eines grau schimmernden Geflechts die Grundstücksgrenze. Warum der hässliche, mit Stacheldraht überzogene Sicherheitszaun, der das HCC umgab, bis heute nicht beseitigt worden war, hatte ihr noch keiner verraten.
 Sie rollte ins innere Halbrund und blieb einen Meter vor der Scheibe stehen. Von hier aus konnte sie den Innenhof und die anderen drei Innenfassaden des Riesenklotzes komplett überblicken. Die halbrunden Glasanbauten, intern Glastürme genannt, thronten jeweils in der Mitte der vier gleich langen Gebäudeflügel.
 Der zunehmende Mond und die meisten Sterne schienen sich gerade in dem Moment hinter einem silbern schillernden Vorhang aus Zirruswolken zu verstecken, als Larissa nach oben sah.
 Hinter ihr knackte es, sie fuhr herum.
 Im diffusen Licht sah sie nichts als ein bleiernes Stilleben vor sich: schemenhafte Möbel, graue Kratzputzwände, viel Glas und ein Ungeheuer, das tagsüber als Gummibaum bezeichnet wurde.
 Das Holz der von der Sonne noch aufgeheizten Möbel kühlte sich anscheinend ab und hatte an einer Reibungsstelle jenen trockenen Ton erzeugt. Hatte sie nicht einmal gelesen, dass eine Seele im Raum sei, wenn das Holz knackte? Ich bin ja hier und es hat nur einmal geknackt, suggerierte sie sich.
 Ihre Augen tasteten die dunklen Fensterreihen der gegenüberliegenden Fassade ab. Teilweise reflektierten die Scheiben den Himmel, aber nach genauerem Hinsehen erkannte sie im Südflügel in den unteren Etagen graue Flecken: die entlang der Fensterfront aufgereihten Betten, drei bis fünf pro Zimmer.
 Was wohl ihre beiden Kollegen gerade machten? Da alles finster war, auch direkt unter ihr kein Licht auf die Wiese oder die Platten im Hof fiel, mussten sie sich in Zimmern auf der Außenseite aufhalten. Sie holte noch einmal den Pager heraus und wählte die Positionsbestimmung. Richtig vermutet. Beide waren auf verschiedenen Außenseiten zugange.
 Sie betrachtete die Glastürme. Auf der anderen Seite, im ersten Stock, in der Dienstzentrale des Einserbereichs, schimmerte die Schreibtischplatte. Auch in der zweiten Etage. Sie hob den Kopf – und schreckte zusammen. Zugleich meldete sich stechend ihr Magen.
 Da drüben stand jemand und starrte zu ihr herüber! Völlig unbeweglich. Auf diesem Stockwerk. Wie sie, in der Mitte des Anbaus. Nur etwas weiter hinten im Raum.
 Da ist es also, das Phantom. Wenn es nicht erkannt werden wollte, so gelang ihm das hervorragend. Lediglich etwas Helles, vielleicht ein Nachthemd oder Pyjama, zeichnete sich verschwommen vom schwarzen Hintergrund ab.
 Sollte sie sofort hinüberrollen und nachsehen, wer da nicht schlafen konnte? Sie zögerte. Wenn sie an die vergangenen zwei Nächte dachte ... – das Misslingen der Aktion war abzusehen. Sie verspürte keine Lust, atemlos drüben anzukommen und zum x-ten Mal in einem gottverlassenen, düsteren Flur vor einem menschenleeren Glasanbau zu stehen.
 Das helle Kleidungsstück mit dem bleichen Fleck eines angedeuteten Gesichts darüber verharrte reglos. Ungeachtet ihres pulsierenden Trommelfells, versuchte Larissa positiv zu sehen, dass die Person sich nun wenigstens gezeigt hatte. Das war besser als flüchtende Geräusche, die stets schneller waren als sie. Und sie wusste jetzt, das Phantom trug heute ein helles Nachtgewand. Wenn sie beim nächsten Rundgang unter die eine oder andere Bettdecke schaute, konnte sie vielleicht ein paar von ihnen ausschließen.
 Das Stechen im Magen war weg, ihr Puls beruhigte sich. Sie ließ das Nachthemd schweben und wandte sich ab, um nach Herrn Langer zu schauen.

Ihr Liebling stand bereits fertig angezogen im Bad. Er hielt sich zitternd mit beiden Händen am Griff an der Wand fest und traute sich offenbar nicht, alleine zum Bett zu gehen.
 „Warten Sie schon lange?“, fragte sie.
 Er winkte lächelnd ab.
 Sie legte wieder ihren Arm um seinen Rücken und die beiden machten sich auf den beschwerlichen Weg zurück zu seiner Schlafstätte. Während er sich ganz auf seine Schritte konzentrierte, dachte sie über ihn nach.
 Wie die meisten anderen Bewohner hatte auch Herr Langer statt Angehörige oder Verwandte, die ihn besuchten, einen Betreuer, der vom Sozialamt bezahlt wurde. Depressionen plagten ihn zweifellos, sie kannte die Symptome zu gut. Aber andererseits war er zumindest während ihrer Anwesenheit alles andere als gleichgültig. Eher humorvoll – gerade deshalb hatte sie ihn schließlich schon ins Herz geschlossen.
 Für ein Leben im Pflegeheim war er jedenfalls definitiv zu jung. Dreiundzwanzig Jahre älter als ich, rechnete sie ... Sie kannte einige Paare mit großem Altersunterschied zwischen den Partnern. Sympathisch war er. Wenn er nicht so krank wäre ... Dass sie ihm gefiel, war jedenfalls nicht zu übersehen.
 Er lief etwas besser als vorher. Auf dem Bett sitzend strahlte er sie an, als habe er ihr Gedankenspiel mitgehört.

 „Werden Sie schlafen können? Oder brauchen Sie Ihre Tropfen?“
 Er winkte ab. „Brauche nicht viel Schlaf. Schmerzen sind auch weg, wenn Sie da sind.“ Listig schielte er sie von unten an.
  Aha, der erste eindeutige Flirtversuch.
 Im Gehen wiederholte sie für sich die Namen der vier Herren in 334, die sich nicht geregt hatten, während sie mit Langer beschäftigt war. Da auf ihrem Stockwerk nur neun Männer wohnten, hatte sie deren Namen zuerst behalten. Zwei von ihnen, Langer und ein Herr im Einserbereich, schienen die einzigen nicht Verwirrten auf der Etage zu sein, die manchmal wach waren, mit denen sie sich also gelegentlich unterhalten konnte.
 An der Tür winkte sie ihrem Liebling kurz zu. Fast schon draußen, fragte sie sich, ob Debautzki, Langers Bettnachbar, tatsächlich gerade geblinzelt hatte.
 Sie rollte an ihrem Stützpunkt, der Dienstzentrale des Zweierbereichs, vorbei. An der Ecke zum Einserbereich sah sie kurz mit Bedauern zur Kamera ganz oben, im Winkel. Das Phantom wäre eventuell schon enttarnt, wenn sie die Aufnahmen der Flurkameras ansehen könnte. Leider durften das, ebenso wie bei den Kameras in den Dienstzentralen, allein autorisierte Personen unter ganz bestimmten, strengen Voraussetzungen. Was den Flur betraf, hatte es wohl mit der Evakuierung im Brandfall und der Feuerwehr zu tun.
 Langsam rollte sie in den Einserbereich. Ihre Sinne waren auf Empfang gestellt. Doch sie hörte nichts außer dem sanften Summen des Windrads auf dem angrenzenden Gelände hinter den Bäumen, dem leisen Quietschen ihres Schuhs, wenn sie sich abstieß, dem Rollgeräusch ihres zweirädrigen Dienstfahrzeugs – und dem Klopfen ihres Pulses.


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