Rotkäppchen-Syndrom Leseprobe 3 (Kapitel 3, Anfang)

Operation F        Dienstag, 07.36 Uhr

 In der zweiten Kurve am Berg nach dem Ortsausgang drehte Lukas sich um. Sechs Autos zählte er. Direkt hinter ihnen der cremefarbene Protz-Cayenne von Arnos Erzeuger. Von den Placzeks abgesehen, kannte er die Leute in den Autos nicht. Jedenfalls waren es alles Freiwillige, die helfen wollten, Arno zu suchen. Und alle fuhren dahin, wo er, der Kronzeuge, sie hin dirigierte.

Die Schnittlauchtypen hatten zwar gestern Abend beim Verhör mit fiesesten Methoden eine der erzeugerfreien Zonen aus ihm herausgepresst, aber dann hatten die Nullchecker irgendwie verpeilt, wie sie da hin kommen sollten. Sie wollten aber unbedingt hin, denn es wäre ja möglich, dass Arno gestern noch alleine auf der Piste rumgekurvt und da irgendwie verunglückt war.

Deshalb saß er jetzt im VIP-Fahrzeug des Konvois, im Streifenwagen des Polizeipostens Bönnigheim. Leider fuhren sie ohne Blaulicht – trotzdem war es ein böse geiles Feeling. Neben ihm auf dem Rücksitz hockte Sven mit demselben Gesicht wie auf Opas Beerdigung. Polizeikommissar Gruber fuhr den Wagen, begleitet von Polizeihauptmeister Vögele auf dem Beifahrersitz.

„Da vorne links rein!“ Lukas zog sich an Vögeles Rückenlehne nach vorn, soweit es der Gurt zuließ.

„Das wissen wir, Lukas.“ Sven legte seine Hand auf seinen Arm. Lukas schob sie weg. „Lieber ein Wort mehr gesagt, als falsch gefahren.“

Polizeikommissar Gruber lachte lahm und setzte den Blinker.

Lukas wusste, dass der Waldweg für motorisierte Fahrzeuge tabu war, zumal – trotz des Regens, letzte Nacht – noch immer Waldbrandstufe drei galt. Aber seit gestern war alles erlaubt, sogar stundenlange nächtliche Ruhestörung durch einen Polizeiheli, der laut Twitter die Gegend mit Wärmebildkameras abgesucht hatte. Denn das Söhnchen des großen Mister Baufirma war verschollen. Ausnahmezustand!

„Jetzt rechts!“, ordnete Lukas an.

Am Armaturenbrett piepste es. Polizeihauptmeister Vögele ergriff das Funkgerät und meldete sich. Lukas musste sich nochmals vorbeugen, um einigermaßen mitzukriegen, was die Stimme aus dem Lautsprecher näselte. Es drehte sich anscheinend um Bruno. Klar, jetzt hatte Vögele Brunos Nachnamen, Luitle, genannt. Um Hohenhaslach ging es, um Brunos Mutter und darum, dass etwas „definitiv“ war.

Vögele hängte das Funkgerät ein und drehte sich zu Sven um. „Sie haben es mitbekommen?“

Lukas sah Sven nicken, bevor er zu Gruber spähte und dabei Svens vorwurfsvollen Blick von der Seite spürte. Jetzt sah Gruber ihn an. „Euer Dritter im Bunde ist offenbar auch verschwunden“, verkündete er.

Dann kam der Blick, den Lukas schon kannte. Der, in dem die meistgestellte Frage der letzten zwanzig Stunden geschrieben stand. Aber statt zum zweihundertersten Mal zu fragen, ob Lukas wirklich keine Idee habe, wo Arno oder jetzt auch Bruno geblieben sein könnten, redete Vögele weiter.

„Bei seinem Saufkumpan Franz Bäuerle in Hohenhaslach, bei dem er laut seiner Mutter öfters nächtigt, wenn er nicht mehr Radfahren kann“, Vögele guckte wieder Sven an, „da war er letzte Nacht auch nicht. Das haben die Sachsenheimer Kollegen gecheckt. Bruno ist bis jetzt nicht zuhause aufgetaucht. Seine Mutter hat ihn seit gestern Morgen nicht mehr gesehen.“ Und nochmal ein ich-weiß-dass-du-was-weißt-Blick für ihn, den Kronzeugen.

Ich hab’s geahnt, dachte er. Das behielt er aber ausnahmsweise für sich.

Kommissar Gruber nahm das Gas weg. Vor ihnen tauchte die Wegkreuzung auf. Vor der Schutzhütte hielt er. Rechts neben der Hütte führte eine der Schneisen, die sie in die Streckenführung integriert hatten, in den Wald.

„Hier wolltet ihr euch also gestern Mittag treffen?“, fragte Gruber.

Wie oft noch?, dachte Lukas und zuckte die Schultern. „Ja.“

Neben ihnen kam mit knirschenden Reifen Placzeks Protzkutsche zum Stehen. Arnos Mutter stieg aus.

Am besten gar nicht hinsehen.

Lukas konzentrierte sich auf die Wanderkarte, die Gruber auf der Motorhaube ausbreitete.

„Kannst du mir eure Strecke noch mal auf der Karte zeigen?“, fragte der Polizeikommissar.

Dann gab es zwischen Streifenwagen und Protzkutsche einen kleinen Streit. Nichts Besonderes. Lukas bekam es nebenbei mit, während er für Kommissar Gruber mit dem Finger den Pistenverlauf zeichnete. Als Firmenboss konnte Arnos Erzeuger anscheinend nicht anders, als ständig jemanden anzutreiben. Er moserte herum, wollte wissen, wo die Spürhunde blieben und so. Aber Meister Vögele holte ihn gleich runter von seinem Chefsessel. Er sollte mal schön auf dem Boden bleiben und die Ruhe bewahren, Panik zu machen bringe überhaupt nichts. Die Hunde seien unterwegs, ebenso eine Hundertschaft der Bereitschaftspolizei sowie noch einmal der Hubschrauber, und ob er die Wäschestücke für die Mantrailer-Spürhunde dabei hätte. Arnos Mutter gab komischerweise keinen Mucks von sich.

Kommissar Gruber zeichnete die Strecke mit einem Textmarker nach, während sich hinter den Streitenden der Wegknotenpunkt mitten im Wald mit Autos füllte.

Dann ging es los. Die Leute wurden eingeteilt. Als Erstes sollte die ganze Piste abgesucht werden. Weil sie ordentlich lang war, teilte sich der Suchtrupp auf. Lukas, begleitet von Sven und Gruber, nahmen die östliche Route. Arnos Mutter und drei unbekannte Männer folgten ihnen. Vögele griff sich die Karte. Er sollte mit dem Rest die Strecke in entgegengesetzter Richtung ablaufen.

Wie erwartet, entdeckte Kommissar Gruber bald die ersten Fahrradspuren im Schlamm. Er fragte, ob sie von Arnos Rad stammen könnten. Natürlich konnten sie das. Dass sie von letzter Woche stammen mussten, weil sie seitdem hier nicht mehr gefahren waren, würde er ihm natürlich nicht auf die Nase binden. Ihm nicht, und niemandem sonst.

Da nun auch Arnos starker Freund verschwunden zu sein schien, war eines klar: Die beiden waren auch gestern nicht ohne ihn hier entlanggeheizt. Vielmehr wollten die Dummbeutel etwas ganz anderes ohne ihn, den Neuling, durchziehen. Die Deppen. „Eigentlich bist du noch nicht so weit“, hatte Arno geschwafelt. „Ausnahmsweise“ hatten die Lutscher ihn dann doch eingeweiht. Welch eine Ehre! Na wartet, ihr Fruchtzwerge. Wenn ihr wüsstet, was wegen euch jetzt hier los ist. Ihr Dorfdeppen.

Nach fünf Minuten kamen sie zu Linkskurve eins. Da, wo es rechts steil abwärts ging, blieb die Gruppe mit Arnos Mutter und dem Jäger oder Förster zurück. Sie bogen das Gestrüpp auseinander und glotzten in den Weinberg.

„Aarnoo“, plärrte seine Mutter ständig. So, als hätte er sich da unten zwischen den Reben versteckt. Lukas bekam noch mit, dass einer der Männer hinunterkletterte. Irgendwann hörte man nur noch Madame Placzeks Stimme hinter den Bäumen.

Die Piste war echt lang, wenn man die ganze Strecke latschen musste. Und öde. Mit dem BMX wäre die Aktion längst erledigt gewesen. Aber wenn die Herrschaften Erzeuger und das andere Gammelfleisch meinten, etwas so oder so machen zu müssen, half keine Logik.

Zweimal bekam Gruber einen Anruf von Meister Vögele, der ihnen mit der zweiten Gruppe entgegenlief. Anscheinend waren sie sich an einer Gabelung nicht sicher, wo die Piste verläuft.

Nach einer Ewigkeit trafen sie dann schließlich auf Vögele und einen Mann aus dem zweiten Suchtrupp. Die anderen, darunter Arnos Vater, waren an einer Abzweigung Radspuren gefolgt, von denen sie dachten, es könnten die von Arnos BMX sein. Gemeinsam ging es noch ein Stück die Piste entlang, bis zur nächsten Gabelung. Von Arno natürlich keine Spur weit und breit.

Plötzlich kam, was kommen musste: Nachdem Gruber noch einmal gefragt hatte, ob er mit seinen Freunden wirklich nur hier, in diesem Teil des Waldes, gefahren wäre, wies er Vögele an, ihn nachhause zu fahren. Natürlich! Der Wald war schließlich viel zu gefährlich für ihn. Danke! Eben war man noch wichtigster Zeuge bei einer bedeutenden Ermittlung und jetzt auf einmal wieder ein Bonsaikeimling.

Sie wollten gerade loslaufen, da trillerte Grubers Handy. Er beendete das Telefonat mit den Worten: „Ich komme hin.“ Die Hunde hatten wohl eine Spur aufgenommen. Sven durfte natürlich auch mit. Nur er, der Minderjährige, nicht.

Auf der Rückfahrt nach Bönnigheim versuchte ihn Vögele noch auszufragen. Auf die unauffällige Tour. Sein Neffe hätte früher, in den Achtzigern, auch ein BMX gehabt, fing er an. Jetzt sei er verheiratet. Aber damals habe er sogar an Meisterschaften teilgenommen. Und Tricks habe er draufgehabt. Mein Gott, da sei einem Bange geworden. Ob Lukas auch Tricks auf dem Rad könne?

Logo! Busdriver, X-up, Superman, alles schon gecheckt. Aber nicht auf dem Pfad im Wald. Da ging es eher um die beste Zeit. Nach einem bösen Sprung hatte man zu tun, sicher zu landen und die Kurve zu kriegen. Für Dirtjump war die Piste weniger geeignet.

Und er kannte sie noch gar nicht besonders gut, weil sie erst vier Mal dort gebikt waren. Fast hätte Lukas auch das ausgeplaudert. Er konnte sich gerade noch auf die Zunge beißen. Aber so leicht ging der ehemalige Chef einer Street-Gang einem Dorfschnittlauch nun auch wieder nicht auf den Leim.

Die Fragestunde ging allerdings weiter: Hatte Bruno auch ein BMX? Nein, ein stinknormales Mountainbike. Durfte er trotzdem mit Rennen fahren? Ja, bloß er hatte nicht die leiseste Chance zu gewinnen.

Außerdem bin ich ja immer der, der fragen muss, ob er mitmachen darf – hier ist man leider nicht mehr in Ludwigshafen, dachte Lukas, als schon die nächste Frage kam. Warum Bruno keine Chance hatte? Das wusste er auch nicht so genau. Auf ebenen Wegen war das Riesenbaby eindeutig schneller als er oder Arno. Nur im Gelände stellte er sich an wie der erste Mensch. Vielleicht hing es mit seinem kleinen Dachschaden zusammen …

Vögele gab sich mit der Antwort zufrieden, aber wie längst befürchtet, fing er nun auch noch vom entlaufenen Wolf an. Richtig mutig wären sie, weil sie sich trauten, im Wald Rad zu fahren, während in der Nähe ein verhaltensgestörter Wolf herumstreunte, der sogar Hunde angriff.

Lukas dachte sich seinen Teil. Verhaltensgestörter Wolf. Lachhaft. Wenn der IT-Analphabet nicht von vorgestern wäre, wüsste er, wer hier wirklich gestört war. Nämlich alle, die meinten, wilde Tiere, die einmal zu Lebenslänglich verurteilt waren, gehörten dahin, wo sie herkamen, also hinter Gitter. So, wie Gangster.

Zum Glück waren sie schon zuhause, sonst hätte er dem Meister mal was geflüstert und sich dabei doch noch um Kopf und Kragen geredet.

Während Vögele wendete, sah Lukas etwas, das eine Chance bedeuten konnte.

„Ich kann gleich hinten reingehen“, erklärte er hastig. „Da unten, wo das Licht durchs Kellerfenster scheint, macht Mama Wäsche.“

Mit „hinten“ meine er natürlich, durch die Garage, musste er für den begriffsstutzigen Schnittlauch noch erwähnen, obwohl es eigentlich logisch war. Denn die Garage befand sich von der Straße aus gesehen auf der rechten Hausseite, der Vordereingang links vom Haus.

Die Garage hatte sicher Sven offen gelassen. Zum Autoauslüften. Der Plan schien aber nicht zu funktionieren – Vögele machte den Motor aus, obwohl Lukas sich gleich höflich verabschiedet hatte. Ohne sich umzudrehen, schlenderte Lukas die Einfahrt zur Garage hinunter. Möglichst unauffällig verhalten, dann gab’s vielleicht doch noch eine Chance.

Nächster Pluspunkt: Nicht mal die Tür, die von der Garage direkt in die Waschküche führte, war abgeschlossen. Also zügig geräuschlos öffnen und die Lage checken! Sah gut aus.

„Bin wieder da“, begrüßte er die rumpelnde Waschmaschine, nicht zu leise, nicht zu laut. Erst jetzt sah er zum Streifenwagen hoch. Yes! Vögele war zwar ausgestiegen, aber vor der Fahrertür stehen geblieben. Er stützte sich mit dem Ellenbogen auf das Autodach. Nun winkte er kurz zum Abschied. Tschüssikowski, Meister!

Kaum hatte Lukas die Waschküchentür hinter sich geschlossen, hörte er, wie der Wagen gestartet wurde. Kurz darauf brummte der Schatten am Kellerfenster vorbei. Anscheinend hatte es der Typ eilig.

Ein Problem gelöst! Mit angewinkeltem Arm zog er einen imaginären Griff schräg vor seinem Kopf kräftig nach unten. „Ich hab’s drauf, Baby.“

Teil zwei. So, wie es aussah, machte Mama das, was sie angekündigt hatte: Bewerbungen schreiben und nebenbei Wäsche waschen. Sie musste also logischerweise entweder am Schreibtisch im Arbeitszimmer sitzen oder Wäsche aufhängen. Beides wäre günstig, Arbeitszimmer wie Wiese lagen der Straße abgewandt. Mit ein bisschen Glück hatte Mama den Streifenwagen gar nicht bemerkt.

Das Treppenhaus im Visier schlich er durchs Kellergeschoss, dann die Treppe hoch, lugte über die oberste Stufe durch die offene Tür und durchs Wohnzimmer hindurch auf die Wiese hinter dem Haus. Perfektes Timing. Die Terrassentür stand offen und Mama reihte mit gestreckten Armen bunte Badetücher aneinander.

Also … No risk, no fun! Schnell zurück in den Keller, durch die Waschküche in die Garage, aufs Rad und – Action!

 

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