Rotkäppchen-Syndrom Leseprobe 2 (Kapitel 2)

Verschwunden     Dienstag, 6.50 Uhr



„Oh Mann, krass!“, krächzte es durch die offene Kinderzimmertür.

„Lukas, Computer aus und anziehen!“

„Mama, hunderte Tweets seit gestern!“

„Lukas! ...“ Die drei Frühstücksteller, die Corinna Oswald der Spülmaschine entnommen hatte, landeten nacheinander auf der gelb-weiß karierten Wachsdecke des Esstischs. „Wenn Papa gleich kommt und dich im Schlafanzug sieht, ist dicke Luft. Das ist dir klar, oder?“

„Mama, hunderte neue Tweets!“ Das klang jetzt ein bisschen vorwurfsvoll.

„Und steht da etwas über Arno?“

„Nix Arno, hier geht’s um Heino, weißt du doch …“

Sie blickte zur Uhr. „Jedenfalls steht in vierzig Minuten der Streifenwagen vor der Tür.“

Keine Reaktion aus Lukas’ Zimmer. Der Plagegeist schien damit begonnen zu haben, hunderte neue Einträge zu lesen. Sie setzte Wasser auf, um Eier zu kochen. Sicher wäre es interessant, zu hören, was es auf der Internetseite, die Lukas täglich studierte, Neues zum entlaufenen Wolf gab. Doch wenn sie sich jetzt vorlesen ließe, wer wann Heino letzte Nacht wo gesehen hatte, welcher Ortsvorsteher sich wieder zu Wort meldete, wo ein weiteres Schaf gerissen worden war oder was die Community dazu meinte, dann hätte das den gleichen Effekt, wie, wenn sie mit Lukas übers Anziehen nach dem Aufstehen diskutierte. Nämlich den, dass er, wenn Sven mit den Brötchen kam, immer noch im Pyjama umherspringen würde. Und dass sie dann natürlich Schuld wäre.

Über die Neuigkeiten aus dem Web konnte man sich nachher bei Tisch auch noch unterhalten. Das Ereignis des gestrigen Abends bescherte ihnen nun ohnehin ein noch weitaus ernsteres Problem. Wobei der umherstreunende Wolf durchaus Anlass zu zusätzlicher Sorge lieferte, was dieses neue Unglück anging. Ebenso wie die Frage, ob ihr elfjähriger Held wieder etwas Größeres angestellt und das Verschwinden seines Spielkameraden womöglich damit zu tun hatte.

Lukas’ Verhalten legte die Vermutung nahe. Zumindest schien es, dass er mehr wusste, als er sagte.

Die Kühlschranktür in der Hand verharrte Corinna Oswald. Sie sah die arme Frau Placzek noch einmal vor sich, wie sie in der Tür stand und sich geradezu aufgelöst erkundigte, ob ihr Sohn bei ihnen wäre. Dann, wie Lukas – für seine Verhältnisse recht wortkarg – ausführte, dass er Arno nicht am vereinbarten Treffpunkt am Bolzplatz angetroffen habe, daraufhin ein wenig rumgekurvt und schließlich, nachmittags kurz nach drei, wieder nachhause gefahren sei.

Als Arnos Mutter erfahren musste, dass ihr Sohn auch bei Lukas nicht angerufen und der ihn seinerseits auch nicht erreicht hatte, obwohl Arno sein Handy doch immer dabei hatte, war sie wirklich den Tränen nahe. Sie zitterte regelrecht, während sie erklärte, Arno habe sich weder bei Bruno, dem dritten Mitglied der Clique, noch zuhause gemeldet. Vier Stunden sei er überfällig. Sie werde jetzt die Polizei anrufen, kündigte sie noch an, während sie schon davonrannte.

Nachdem sie weg war, verhielt sich Lukas noch ungewöhnlicher. Einsilbig antwortete er auf die Fragen, die sie ihm stellen musste. Regelrecht in sich gekehrt, geistesabwesend, wirkte er. Schließlich zog er sich in sein Zimmer zurück. Völlig untypisch. Gewöhnlich teilte er seine Gedanken doch jedem mit. Sicherlich nie alle – und mindestens die Hälfte seiner Auskünfte, egal zu welchem Thema, entsprangen zumeist seiner lebhaften Fantasie –, aber eine solche Verschlossenheit, das war nicht seine Art.

Das war nicht Lukas. Da musste etwas passiert sein, das ihn dermaßen bekümmerte, dass er es nicht ohne weiteres mit seinem üblichen Geplapper überspielen konnte.

Corinna Oswald ließ drei Freiland-Bio-Hühnereier in kochendes Wasser gleiten und stellte den Wecker. Anschließend setzte sie sich an den fertig gedeckten Frühstückstisch. Sie lauschte ins Kinderzimmer. Ab und zu klickte die Computermaus. Aber Lukas’ lässige Kommentare, die sonst wie vom Fließband aus ihm herauspurzelten, egal ob jemand zuhörte oder nicht, fehlten. Auch heute Morgen war er noch nicht wieder der alte. Wie sollten sie sich verhalten?

Am gestrigen Abend hatte sich ihr Verdacht ja dann noch verstärkt. Als es kurz vor acht klingelte und zwei uniformierte Polizisten vor der Tür standen, konnte sie sich denken, was Arnos Mutter den Beamten erzählt hatte: Dass Lukas und ihr Sohn seit gut vier Wochen fast täglich mit ihren Rädern zusammen unterwegs waren. Lukas hatte ja seinen gleichaltrigen, neuen Freund gleich am Anfang der Sommerferien, am ersten Tag nach dem Einzug, aufgerissen. Noch immer musste sie unwillkürlich lächeln, wenn sie die Szene vor sich sah. Wie er nach einem Blick aus dem Fenster auf seine zukünftige Rennstrecke, mit dem Ausruf „Der hat ja ein BMX!“, aus dem Haus gestürzt war.

Folgerichtig begannen die Beamten ihre Nachforschungen nun bei ihnen, die nur zwei Häuser neben den Placzeks wohnten. Auch den Polizisten gegenüber verhielt sich Lukas eigenartig. Einen solchen Respekt vor Autoritätspersonen hatte er doch noch nie gezeigt. Umso mehr verwunderte es, wie er herumstotterte, als die Beamten ihn befragten. So, als habe er eine Ahnung oder als wisse er etwas, wolle oder könne aber aus irgendeinem Grund nicht darüber reden.

Das stritt er natürlich ab. Sogar noch, nachdem nun plötzlich eine Lüge platzte, die er ihnen, seinen Eltern, drei Wochen lang aufgetischt hatte: Als die Polizisten wissen wollten, ob er mit ihnen am nächsten, also heutigen Tag die Wege abfahren könne, auf denen seine Freunde und er gewöhnlich mit ihren Rädern fuhren, bekam Lukas wohl Gewissensbisse. Er schien kurz abzuwägen, ob er die Lüge weiter aufrecht erhalten oder helfen sollte, seinen Freund zu finden. Dann entschied er sich für Letzteres. Er verriet, dass sie meistens auf einer „coolen Cross-Strecke“ Rennen fuhren. Auch am gestrigen Tag hätten sie das vorgehabt.

Das Unangenehmste war für Lukas allerdings, damit herauszurücken, wo sich diese „coole Cross-Strecke“ befand. Er schien einerseits etwas zu verschweigen, andererseits zumindest wirklich nicht zu wissen, wo Arno steckte. Er machte sich ebensolche Sorgen wie die Großen. Nach einem ausgedehnten Zögern erfuhren sie dann endlich, dass es sich bei der Strecke um Trampelpfade mitten im Wald handelte, die die Jungs für sich entdeckt hatten.

Für Sven und sie erst einmal ein Schock. Denn sie hatten sich mit Lukas darauf verständigt, dass er und Arno auf ihren Radtouren den Wald vorerst mieden. Solange, bis dieser verhaltensgestörte Wolf eingefangen war. Exakt sieben Tage nach dem Einzug ins neue Heim war das gewesen. An dem Tag, als die ersten Meldungen durch die Medien gegangen waren. Ein Wolf entlaufen! Aus dem keine zehn Autominuten entfernten Tierpark Buchenweiler!

Damals schien Lukas nach kurzem Protest die Notwendigkeit der Vorsichtsmaßnahme eingesehen zu haben. Placzeks Jüngster sei, laut seiner Mutter, sowieso reif genug, um sich von sich aus an die Spielregeln zu halten.

Doch das hatten die drei Kinder offenbar nicht getan. Auch der brave Arno hatte dichtgehalten. Mit dem dritten Mitglied der Clique war das so eine Sache. Der wohnte auf der anderen Seite des Waldes und nahm natürlich den kürzesten Weg, um sich mit den beiden zu treffen. Allerdings war der Junge älter und vor allem körperlich ein ganz anderes Kaliber als Arno und Lukas. Immerhin ein Mal hatte sie ihn gesehen.

Gedämpft drangen Stimmen von der Straße her herein. Corinna Oswald schaute auf die Uhr und dann aus dem Fenster. Sonst brauchte Sven nie so lange für die paar Meter zum Bäcker.

Ein älteres Paar ging auf dem Gehweg am Haus vorbei. Es überquerte den Wendehammer in Richtung der Felder und brachte damit bei ihr das Gedankenkarussell erneut zum Rotieren.

Hier gibt es doch wahrlich außerhalb des Waldes ausreichend Raum zum Auszutoben, dachte sie. Was ja der Hauptgrund dafür gewesen war, sich für dieses Haus am Rand von Bönnigheim zu entscheiden. Ringsherum Wiesen und Felder. Mit zig gut einsehbaren Wirtschaftswegen, auf denen die Kinder stundenlang mit ihren Rädern umherjagen konnten, ohne eine Hauptstraße überqueren zu müssen. Selbst die Zufahrtstraße durch das Neubaugebiet war kaum befahren. Sogar eine künstlich angelegte BMX-Strecke gab es in der Nähe. Einen Bolzplatz sowieso. Was wollten die Jungs noch?

Wäre es nach Sven gegangen, würden sie jetzt in der Penthouse-Wohnung in Heilbronn hocken. Was sicher einige Vorteile gehabt hätte. Zu seiner neuen Stelle in Abstatt wäre es noch kürzer gewesen. Lukas’ Entwicklung zuliebe hatte man sich für ein Leben auf dem Land entschieden. Raus aus der reizüberfluteten Stadt mit dem hyperaktiven Jungen, war die Devise gewesen. Weg von der Straße, weg vom schlechten Umgang, von den Subjekten, die ein kontaktfreudiges Kind wie Lukas wohl zwangsläufig in der Großstadt auflesen musste.

Der Wecker neben dem Ceranfeld klingelte. Abwesend schaltete sie den Herd aus, ergriff mit den beschichteten, rutschfesten Kochhandschuhen den Topf mit den Sechsminuteneiern und goss das dampfende Wasser in die Spüle. Vermutlich waren sich die Kinder einfach nicht der Gefahr bewusst, der sie sich im Wald aussetzten.

Sicherlich nicht! Denn wie gefährlich das entlaufene Tier tatsächlich war, konnten ja nicht einmal die Erwachsenen wirklich einschätzen. Offensichtlich nicht einmal die, die es wissen müssten. Sie stritten sich seit Wochen öffentlich darüber, ob es besser sei, das Tier einzufangen, es zu töten oder es einfach laufen zu lassen.

Heino sei völlig ungefährlich, er meide den Menschen, behaupteten die Tierschützer. Natürlich. Panik wäre fehl am Platz, hieß es aus allen möglichen Ämtern. Lediglich wachsam im Wald sollte man sein, und ein paar Verhaltensregeln beachten. Hunde anleinen. Auf den Wegen bleiben. In die Hände klatschen, wenn der Wolf vor einem stand. Wie drollig!

Aber inzwischen, nachdem Heino seit nunmehr drei Wochen alle an der Nase herum führte, hörte man auch schon ganz andere Töne. Die öffentliche Sicherheit wäre bedroht und man müsse schnellstens handeln, hatte irgendein Polizeichef aus der Gegend neulich in einem Interview gesagt. Der Wolf zeige in mancher Hinsicht kein artgerechtes Verhalten – vor allem fehle die Scheu vor den Menschen.

Wem sollte eine besorgte Mutter nun glauben?

Sie strich sich übers Gesicht, dann ließ sie es, die Ellenbogen auf den Tisch gestützt, mit geschlossenen Augen in ihren Händen ruhen.

Da musste erst ein Kind verschwinden, damit sich etwas tat. Umso gigantischer war nun natürlich der Aufwand. Polizeihubschrauber, Feuerwehr, DLRG, Spürhunde, freiwillige Helfer. Halb Bönnigheim, musste gestern Abend auf den Beinen gewesen sein, wie Sven sagte. Bis nach Mitternacht hatte er mit gesucht und auch noch danach hatte ihnen das Brummen am Himmel den Schlaf geraubt. Das Brummen und die Aufregung. Selbst Sven, den sonst keine zehn Pferde wach kriegten, hatte kaum ein Auge zubekommen. Ein Glück, dass er sich heute wegen der neuen Suchaktion kurzfristig frei nehmen konnte.

„Fuck“, fluchte es am Computer hinter der Ecke zum Kinderzimmer. Fast gleichzeitig schlug die Haustür zu.

Aus dem Kinderzimmer drang nun hektische Geschäftigkeit. Lukas hatte Sven wohl schon vor ihr gehört und entdeckte jetzt, dass er immer noch nicht angezogen war.

„Sven?“ Corinna stand auf und streckte den Arm, um die Brötchen in Empfang zu nehmen. „Wo bleibst du?“

Ihr Mann presste geräuschvoll Luft durch die Lippen, dabei verdrehte er die Augen. „Frau Placzek hat mich gerade abgepasst. Die ist total fertig. Ich jetzt auch.“

 (weiter mit Leseprobe 3)