Rotkäppchen-Syndrom Leseprobe 1 (Roman-Anfang)

Montag, 09.15 Uhr

David weinte immer noch. Klar, er hatte Angst. Wer wollte auch am frühen Morgen mitten im Wald an einen Baum gebunden werden und dann auf etwas warten müssen, das nichts Gutes sein konnte. Dazu noch bei dem Nebel, der dem entsetzten David inzwischen schon um die Nase strich. An seiner Stelle würde ich auch weinen.

„Alles wird gut, David“, hauchte der Wachposten ihm über den duftenden Blutbeerstrauch hinweg, quer durch die Talmulde, zu. Ihn fröstelte. Doch die Befehle lauteten Stillstehen und David im Auge behalten.

Er riskierte einen Blick über die rechte Schulter. Alles ruhig hinter ihm. Die Dickung, hinter der Gandalf vorhin verschwunden war, lag noch im Schatten der alten Laubriesen und des Großen Saukopfs. Weiter hinten, ganz oben am Hang, im Gras zwischen den himmelwärts strebenden Fichtenstangen, funkelte schon Tau in der Morgensonne. Doch in die Senke, in der er unter einem Dach aus Buchen- und Eichenblättern ausharrte, würde es in absehbarer Zeit kein einziger mickriger Sonnenstrahl schaffen.

Ein helles Summen, dicht am linken Ohr, übertönte einen Moment das grandiose Konzert in den Baumkronen. Unwillkürlich zuckte Bruno zurück und warf seinen Kopf herum. Ein als Wespe verkleidetes, aber harmloses Insekt schnellte rückwärts fliegend ein paar Zentimeter von seinem Gesicht weg. Nun stand es in der Luft wie ein winziger Helikopter. Zwei braune Facettenaugen betrachteten ihn.

Zu schnell bewegt, dumm von mir, tadelte er sich stumm, während ihm die Amsel in den Haselnusssträuchern zuzustimmen schien – sie feuerte eine regelrechte Schimpftirade ab.

Indessen wurde vor seinem Gesicht ein winziger Motor auf Touren gebracht. Die Schwebfliege schoss davon. In Davids Richtung.

Der Verängstigte wirkte wieder eine Spur blasser als vor der letzten Überprüfung. Er begann schon regelrecht im Nebel zu verschwimmen.

David im Blick begann Bruno ein weiteres Mal, die Vollzähligkeit der Mobilen zu überprüfen: In der Jackentasche umfasste seine linke Hand behutsam einige der erlauchten Köpfe, glitt mit ihnen in die Hosentasche, ertastete zwischen Daumen und Zeigefinger das erste der fünfundzwanzig unverwechselbaren Gesichter, sprach in Gedanken den Namen des Identifizierten und nummerierte ihn, bevor er ihn in die Tasche entließ. So verfuhr er Kopf für Kopf.

Eins, Gimli ... Zwei, Frodo ... Drei, Glorfindel.

Das Zählen beruhigte ein wenig. Er musste ruhig bleiben, auch wenn der gerade Weg an diesem jungen Tag so unendlich weit entfernt erschien wie nie zuvor. Auch wenn ihm mit dem Nebel eine weitere Herausforderung entgegenquoll.

Vor der ersten Überprüfung hatte der blasse Schleier noch ganz vorn über der saftigen Waldwiese gehangen. Stamm für Stamm hatte er sich den Bach entlang herangeschlichen. Lautlos wie ein Gespenst. Jedes Mal, wenn er einen Moment nicht hinsah, schien das hinterhältige Biest ein Stück näher zu rücken, um dann wieder bewegungslos zwischen den Stämmen zu hängen.

Vier, Aragorn.

Wenn Gandalf nicht bald wiederkam, würde der Nebel David ganz verschwinden lassen. Mitsamt der Eichen um ihn herum. Danach würde er wohl die Haselnusssträucher verschlingen, dann das Frauenfarnfeld, das auf der einen Bachseite die halbe Talsohle bedeckte. Zuletzt den Blutbeerbusch, das nasse Gras unter seinen Gummistiefeln und ihn selber.

Fünf, Legolas.

Er selbst würde dann also ebenso unsichtbar sein, vielleicht gerade, wenn es geschah.

Was tun, wenn es passierte, bevor Gandalf zurückkehrte? Warum kehrte er nicht zurück? Konnte sein Fortbleiben Teil einer sinnreichen Strategie sein, die das Ziel verfolgte, einen Unwerten für die Welt der Einsichtigen zu qualifizieren? Ihn zu prüfen?

Aus der Geisterwolke heraus guckte ihn David an. „Was soll das alles?“, fragte er jammernd.

Warum Gandalf nicht zurückkommt, wüsste ich selber gern, antwortete der Wachposten, im vagen Glauben, dass seine Gedanken David erreichten.

So sind sie nun mal, die Einsichtigen. Bringen alles so durcheinander, dass man nicht mehr aus noch ein weiß. Sie sind eben unberechenbar. Drängen einen vom geraden Weg ab. Immer wieder.

Sechs, Theoden.

Wenn das Zählen nicht mehr hilft, wenn die Gedanken sich gegenseitig überholen und davonrasen, muss ein Unwerter sich bewegen. Muss er gegen den Befehl verstoßen. Wie soll er denn auch auf David aufpassen, wenn der Ärmste unsichtbar ist?

David, ich komm zu dir. Wenigstens ein Stück. Bis zum Haselnussstrauch.

Der Wachposten warf noch einen Blick nach hinten. Die dunkle Dickung und der Hang mit den langen Fichten schwiegen sich weiterhin über Gandalfs Verbleib oder seine Pläne aus. Die Fichten da oben genossen bereits bis in die mittleren Stockwerke des Hangs hinunter die Sonne; unten, die düstere Filzfestung aus jungen Nadelbäumen schien diffuse Drohungen auszudünsten.

Sieben, Eomer. Die in der Jackentasche verbliebenen achtzehn Mobilen sollten warten.

Leicht geduckt verließ er die Deckung des Blutbeerstrauchs und sofort wurde er ruhiger. Nach wenigen Schritten hatte er den Bach erreicht. Beinahe geräuschlos schlängelte der Schippbach sich hier durch die Talsohle. Lediglich mit leisem, Schluckauf-ähnlichem Glucksen machte er sich bemerkbar.

Den Bach entlang bewegte Bruno sich auf den ersten Haselnussstrauch, der ebenfalls schon verblasste, zu. Behutsam. Trotzdem quatschte es bei jedem Schritt auf dem triefnassen Boden unter seinen Gummistiefeln. Bis zur Haselnuss musste er. Dort hätte er Deckung und hoffentlich zugleich eine Chance, David weiter zu beobachten.

Das Knacken eines Astes oder etwas Ähnlichem hallte durch das Schippbachtal.

Gandalf?

Leider ließ sich überhaupt nicht feststellen, aus welcher Richtung das Geräusch gekommen war. Vorsichtshalber ging er in die Hocke. Da der Farn ihn nun überragte, hatte er wenigstens in eine Richtung Deckung.

Mit Blick zurück wartete er auf Schritte. Am Rand des Dornengestrüpps hinter seinem vorherigen Beobachtungsposten schaukelte eine Ranke heftig auf und nieder.

Ein Vogel war dort aufgeflogen, ganz klar.

Von Gandalf war allerdings nichts zu sehen. Auch Schritte vernahm er keine. Hinter ihm, Richtung Haselnuss, raschelte es irgendwo unter dem Farn. Als er sich danach umdrehte, flatterte die Amsel schimpfend auf. Daneben, zwischen den Eichenstämmen, ahnte er Davids Silhouette mehr, als dass er sie sah. Bedenklich, denn er hatte bereits die Hälfte des Wegs zu ihm hinter sich gebracht. Der Kleine weinte nicht mehr. Sicher sah er ihn näher kommen und seine Mutlosigkeit ließ ein wenig nach.

Ruckartig verharrte der Wachposten, denn eine Erkenntnis flutete sein Bewusstsein: Nicht nur das Rascheln war verstummt. Nicht nur die Amsel hatte für ihn den Haselnussstrauch geräumt, so, wie der andere unbekannte Vogel das Dornengestrüpp. Nein, das ganze Orchester in den Baumkronen schien sein Konzert abrupt beendet zu haben. So als wäre mit dem Astknacken, wie mit einem Schalter, im Schippbachtal die akustische Untermalung ausgeschaltet worden.

Eigenartig, diese Stille.

War auch Davids Weinen ausgeschaltet worden? Bedeutete sein Schweigen genau das Gegenteil von aufkeimender Zuversicht, weil er ihn kommen sah? War es ein Alarmzeichen? Stellte David sich tot?

Vor ihm, im Farn, raschelte es wieder leise.

Sicherlich eine Maus. Vielleicht auch eine Ringelnatter, die er hier in der Nähe schon beobachten durfte.

Das Geraschel wurde lauter. Mit zusammengekniffenen Augen versuchte er eine Bewegung unter den Farnwedeln neben sich zu erkennen.

Das war keine Schlange. Auch keine Maus.

Zudem kam das Geräusch keineswegs aus dem Farn ...

Irgendetwas bewegte sich, im dichten Nebel unsichtbar, vorsichtig durch das Laub unter den Eichen. Dem Rhythmus des Geräuschs nach zu urteilen, handelte es sich um ein größeres Tier.

Ein Tier, das sich näherte. Denn das Rascheln gewann weiter an Intensität. Und immer deutlicher zeichnete sich ein gewisses Gleichmaß in der Bewegung ab. Auf ein sanftes Rascheln folgte regelmäßig eine Pause. Ein Zögern.

Ein Tier, das sich anschlich?

War er bereits aus dem Nebel heraus entdeckt worden? Instinktiv duckte er sich noch tiefer. Obwohl er kaum atmete, durchströmten ihn auf einmal diverse Gerüche: Walderde, feuchtes Moos, faulige Blätter, sein Schweiß.

Etwas Nasses auf seiner Wange ließ ihn einen kühlen Lufthauch spüren. Er traute sich nicht es wegzuwischen. Weinte er etwa?

Unsinn! Durch das Starren auf die milchige Suppe tränten seine Augen, ganz klar.

Wäre sonst auch dumm! Denn so eine Prüfung war eine Chance! Eine großartige Idee eines einsichtigen Gandalf, einem Unwerten wie ihm das Vertrauen zu schenken, eine Situation wie diese zu meistern. Voller drohender Gefahr und deshalb außerordentlich wirkungsvoll. Sinnvoll. Dem Angstanfall widerstehen, ohne auszurasten.

Zögernd rhythmisch raschelnd tauchte ein verschwommener Schatten aus der Tiefe des Nebels auf. Nicht David. Das Wesen bewegte sich anders als der Kleine. Außerdem unterschied sich die allmählich wachsende Silhouette erheblich von Davids zierlicher Statur.

Der Schrei eines Eichelhähers riss den Kopf des Wachpostens nach oben, doch gleich heftete er seinen Blick wieder auf die dunkle Masse vor ihm, hinter dem Nebelvorhang.

Auch der Schatten verharrte. Das verschleierte Monstrum hatte nun auch ihn gesehen, ganz klar.

Dessen Konturen weckten inzwischen gewisse Erinnerungen in ihm.

David blieb unsichtbar. Gut so.

Gandalf hingegen wäre ein willkommener Beistand in dieser heiklen Situation. Doch mit seiner Hilfe durfte er nicht rechnen, da die Prüfung sicherlich bereits begonnen.

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