Obsession, Ulrich Wohlfarth


Ich sah sie zum erstenmal, als ich mich auf die Stelle in dieser Kleinstadt in Süddeutschland bewarb. Ihre Wirkung auf mich war so ungeheuer intensiv, irritierend, verlangte nach weiterem Hinschauen, nach vorsichtigen Fragen. Die sonst noch anwesenden späteren Kolleginnen und Kollegen waren mir dagegen so egal, wie nur sonst irgend etwas. Durch die Bank nichts Besonderes. Austauschbar. Aber SIE brachte meine Gedanken schnell durcheinander. Wer oder was war sie? Irgendwie war ich schon beim erstenmal, als wir uns einander vorstellten, etwas daneben. Anders kann ich es mir nicht erklären, dass ich sie damals nach ihrem Alter gefragt habe. Eigentlich ein schlimmer Fehler. Aber sie hat es mir wohl nicht übelgenommen. Jedenfalls hat sie es mich nicht spüren lassen, dass ich damals wohl ein wenig daneben war. Ich habe damals übrigens die Stelle bekommen. Und das war gut so. Sie hatte ihr Büro neben meinem. Das war noch besser. So ergab es sich immer häufiger, dass wir uns unterhielten. Über dies und das im allgemeinen – anfangs. Über private Interessen im Besonderen – nur wenig später. Für mich waren dies vor allem Trainingsstunden. Ich habe über Monate trainiert, meinen Herzschlag zu regulieren, mein Herzklopfen in ihrer Nähe zu normalisieren. Einmal habe ich ihren Busen berührt, versehentlich zwar, weil sie mich mal erschreckt hatte, als ich mit dem Rücken zu ihr in der Tür stand und ich in einer Abwehrbewegung ohne Absicht ihre Brust streifte, aber dies reichte aus, dass ich danach viele Abende unter meinem Kopfhörer laute Rockmusik hörte und in den schlaflosen Nächten an ihren weichen Busen dachte. An diesen Abenden hörte ich IHRE Musik. Es war Musik, wie ich sie zuvor nie wahrgenommen habe. In den Texten der Songs las ich versteckte Botschaften. Das waren Botschaften, die sie mir niemals offen mitgeteilt hätte. Bestimmt hätte sie dies auch nie so ehrlich zu Papier gebracht. Ich kenne die nur zu gut – frei zu reden, oder auch die Wahrheit in einem Brief zu Papier zu bringen ist den Allerwenigsten gegeben. Aber diese Botschaften aus Liedern herauszuhören, auch wenn sie diese Lieder nicht selbst geschrieben hat, das ist mir Gott sei dank gegeben. Diese Abende waren für mich, als lese ich ihre Briefe an mich. Und es waren viele Briefe, deren tiefe Inhalte für mich jede Nacht den Schlaf fernhielten. Sie hat genau gewusst, warum sie mir ihre Lieblingsplatten, ihre Lieblingsmusikgruppen und auch ihre Lieblingssängerinnen genannt hatte, die mir genau das sagen sollten, was sie für mich empfand, mir aber nie offen sagen konnte. Da war sie sehr scheu. Ich konnte das verstehen, waren mir solche Gefühle nicht fremd: Herzrasen, dass ich manchmal meinte, ersticken zu müssen. Oder Zittern, weiche Knie. Mein Gott, ich konnte sie nur zu gut verstehen.

Ein bitterkalter Wintertag vor ein paar Jahren brachte mich einen wichtigen Schritt weiter auf dem Weg hin zu ihr. An diesem Tag kam sie morgens mit Ohrwärmern, die aussahen wie ein flauschig-weicher Kopfhörer ins Büro. Als ich sie damals ansah, lachte sie und erzählte mir von Ohrenschmerzen, die sie bei dieser Kälte in dem Winter wohl nicht mehr loswerden würde. Meinen Vorschlag, am nächsten Tag meinen Walkman mit Kassetten, die sie gerne hören würde fand sie großartig. Also brachte ich alles am nächsten Tag mit, nachdem ich am Vorabend und in der halben Nacht noch Musik von LPs auf Cassetten aufgenommen hatte. Und es war wunderbar. Wenn ich an den darauffolgenden Tagen sie dann mit geschlossenen Augen und einem Lächeln im Gesicht so dasitzen sah, und sah, wie sie die Musik sichtlich genoss, in wonnigen Gefühlen für mich geradezu badete, dann war ich sehr glücklich. In solchen Momenten wollte ich sterben. Aber sterben, das wollte ich dann doch nicht. Dann wäre ja unsere Geschichte zu Ende gewesen. Noch bevor sie so recht begonnen hatte. Das ging nicht. Das ging auch nicht, weil ich damit ihr Herz gebrochen hätte. Und sie bestimmt wütend auf mich gewesen wäre. Aber stattdessen habe ich sie eingeladen, bei mir zu Hause mal meine Sammlung an Langspielplatten anzuschauen und in manche Scheiben mal reinzuhören. Echte Schätzchen waren darunter. Und wie hatte sie sich gefreut. Und dann so ganz versunken in die Musik, dass sie dabei sogar fast völlig das Essen vergaß. Ich war unglaublich glücklich!

Der ermittelnde Kommissar wunderte sich schon im Eingangsbereich des Hauses: Überquellender Briefkasten des zu überprüfenden Sonderlings. Und dann nicht wenig über die Szenerie beim Betreten des Wohn-, Schlaf-, Ess- und Musikzimmers. Ein erbärmlicher Gestank. So erbärmlich!

Ein schmächtiger Mann mittleren Alters in marineblauem Hausanzug. Der Sonderling in Frottee. Ärgerte sich offenbar furchtbar über die Störung durch die Polizei.

Auf dem Beistelltischchen daneben Knabberzeug. Kartoffelchips, Erdnussflips, Salzstangen. Die ganze Palette aus den Siebzigern also. Deutsche Gemütlichkeit halt. Über den Boden verteilt die Hüllen von Langspielplatten, an den Wänden jahrealte Konzertplakate. Und Papiertaschentücher. Zusammengeknüllte, gebrauchte. Der Kommissar war verwirrt, und auch ein wenig durcheinander. Der Kommissar brauchte Zeit, nachzudenken. Zu viele Eindrücke. Ein skelettierter Körper einer einstmals blonden Frau im geblümten Sommerkleid. Saß oder lag gekrümmt in einem Fernsehsessel. Kissen an den Seiten. Kopfhörer auf dem Schädel. Lederriemen an Hand- und Fußgelenken. Vor allem aber: zuviel Gestank. Viel zu viel Gestank! Obsession? Zwangsvorstellung? Klar, Obsession!