Seite 9 bis 29 des Krimis "Graue Schatten" 

Montag

 

Schlürfend schleppte Renate ihren stämmigen Körper über den noch dunklen Flur des ersten Stocks. Wie immer zwanzig Minuten vor dem eigentlichen Beginn ihres Frühdienstes. Die ganze Station B lag noch im Halbschlaf. Die von Holzverkleidungen verdeckte Nachtbeleuchtung tauchte den langen Gang in dunkelgelbes Licht, das die Stationsleiterin zu fragen schien, was sie mitten in der Nacht hier verloren hatte.

Sie gähnte ein „Guten Morgen, Kevin!“ durch die offen stehende Tür ins Stationszimmer und entschuldigte sich sofort darauf für ihr Gähnen.

„Einen guten Morgen, Schwester Renate. Ich hoffe, du hast gut geschlafen“, antwortete der Pfleger, der auf den ersten Blick immer noch erstaunlich frisch wirkte, angesichts eines hinter sich gebrachten Nachtdienstes.

„Oh, so besorgt?“, entgegnete die Chefin. „Es gibt doch nicht etwa was Neues?“

Schon während sie es sprach, fiel ihr Blick automatisch auf den Schreibtisch und sie sah den Totenschein. „Frau Dietz? Hat sie's endlich geschafft?“, fragte sie überflüssigerweise, denn im nächsten Moment las sie schon den Namen auf dem weißen Schein mit dem blauen, dem gelben und dem rosa Durchschlag dahinter.

„Marta Sausele?“ Ein Moment Schweigen. „Ist was passiert?“ Auch diese Frage war eigentlich überflüssig, denn sie hatte bereits den Eintrag des Arztes gelesen und das Kreuz im Kästchen für natürliche Todesursache gesehen.

„Willst du nicht erst mal einen Kaffee? Frisch gebrüht“, lenkte Kevin ab, der ihr wohl ansah, dass sie zwar einerseits neugierig, doch an diesem Montagmorgen, zwanzig Minuten nach sechs, so scharf auf Neuigkeiten nun auch wieder nicht war.

„Da sage ich heute nicht Nein. Aber bleib sitzen und schreib fertig, ich nehm mir einen.“ Froh über den Anlass, sich erst einmal niederlassen zu können, ließ sich Renateauf den Stuhl zwischen Tisch und Schrank fallen, die Kaffeemaschine griffbereit neben sich.

Sonst begann sie immer sofort, bevor sie in der morgendlichen Runde Platz nahm – wenn sie überhaupt dazu kam sich zu setzen – die Medikamente für den Vormittag vorzubereiten. Doch heute konnte ihr Kreislauf einen kleinen Schubs gebrauchen. Sie hatte überhaupt nicht gut geschlafen. Und nun schon wieder ein Todesfall! Und noch einmal während Kevins Nachtschicht. Aber wenn der Ärmste augenblicklich nicht sein Herz ausschütten wollte, so wie das seine Kolleginnen an seiner Stelle jetzt getan hätten, sollte ihr das an diesem Morgen mehr als recht sein.

Während sie sich das heiße, schwarze Getränk eingoss, entschlüpfte ihr ein nachdenkliches „Frau Sausele ...“

„Ja, so schnell kann's gehen“, lautete die Antwort aus Richtung Aktenwagen. Kevin machte noch die letzten Eintragungen. Er zog die eine oder andere Bewohner-Kartei heraus, kritzelte ein paar Striche in eine Tabelle und hängte die Kartei wieder in den Wagen.

Renate schaute ihm zu. Lassen wir ihn erst mal fertig schreiben, dachte sie. Obwohl Kevin wie immer gelassen, beinahe sorglos, vor sich hin summte, sah sie ihm an, dass die vergangene Nacht, oder besser die vergangenen Nächte, nicht spurlos an ihm vorübergegangen waren. Seine blutunterlaufenen Augen hatten dunkle Ringe. Er wirkte noch hohlwangiger als gestern. Dabei war er eh schon so ein hagerer Spund! Und seine Bewegungen wirkten flattrig.

Während sie ihn betrachtete, wanderten ihre Gedanken wieder zur Verstorbenen: Unser kleines Monster war ihr interner Kosename innerhalb einer Gruppe eingeweihten Pflegepersonals gewesen. Wer hätte erwartet, dass sie uns so schnell verlässt?

Sie war nun der dritte Todesfall, seit Kevin letzte Woche Montag mit der Nachtschicht angefangen hatte. Dass gleich drei Bewohner starben, dazu noch so unglücklich, gerade während der zehn Nachtdienste, die der Junge übernommen hatte, das war nicht gerecht. Immerhin hatte sich die Sausele, so wie es aussah, nicht so spektakulär verabschiedet wie die anderen zwei. Herzversagen hörte sich danach an, dass sie ruhig eingeschlafen war. Manchmal starben die Leute in dem Alter eben unerwartet.

Schließlich war sie ja auch chronisch krank gewesen. Aber andererseits nicht todkrank. Und sie hatte nichts Akutes gehabt. Zumindest gestern Nachmittag noch nicht. Eine Sepsis hatte Dr. Hansen erst für den Fall prophezeit, dass sie die Operation bis ins nächste Jahr hinauszögerte.

Und nun war sie noch nicht mal achtzig geworden. Der Neunundsiebzigste war letzten Sommer gewesen. Als sie vor acht Jahren im Betreuten Wohnen eingezogen war, hatte sie noch vor Unternehmungslust gesprüht. Aber als sie nach einem Krankenhausaufenthalt auf die Pflegestation kam, war sie um Jahre gealtert. Ihr Diabetes, die offenen Füße und die starken Schmerzen – zuerst beim Laufen, später auch im Liegen – all das hatte sie verändert. Mäklig und unzufrieden war sie geworden. Bis sie endlich das Einzelzimmer bekam, hatte sie ständig Streit mit den Zimmergenossinnen.

Als die Diagnose Arterielle Verschlusskrankheit feststand, war es bei ihr endgültig mit dem Lebensmut vorbei. Ihr Zimmer verließ sie kaum noch. Ihre einzigen Freuden waren Kuchen und andere süße Sachen.

In letzter Zeit musste sie täglich Schmerztabletten nehmen, in immer höherer Dosis. Und sie war inzwischen so schwierig im Umgang geworden, dass jeder Mitarbeiter auf der Station froh war, wenn sie jemand anders waschen musste. Die Zeit, die der Gesetzgeber ihnen laut Pflegestufe für die tägliche Pflege und Fürsorge der Frau zugestand, wurde erheblich überzogen. Das Schildchen, das die Pflegezeit anzeigte, an der Tafel, auf der jeder nachlesen konnte, was er an diesem Tag zu tun hatte, war doppelt so lang, als es eigentlich sein durfte.

Renate schaute zu der schwarzen Pinnwand, gegenüber. Das Schildchen der Verstorbenen steckte noch. Sie beschloss, es gleich stecken zu lassen, denn waschen musste man sie trotzdem. Auch wenn man sicher nicht so fix und fertig aus ihrem Zimmer kam wie sonst, wenn man sie morgens versorgt hatte. Und am besten ging man gleich zu zweit rein, kalkulierte sie. Schließlich gab es wieder genug Zusätzliches zu erledigen.

Erneut musste die Chefin an die Kämpfe mit ihrem kleinen Monster denken. Die Frau bewegte beim Waschen und Anziehen meistens keinen Finger, jammerte und nörgelte dafür aber ständig. Körperlich wäre sie aber durchaus noch in der Lage gewesen, vieles von dem selber zu tun, was sie gewöhnlich auf das Pflegepersonal abschob, immer ihr Leiden hervorhebend. Wenn man sie zu erziehen versuchte und sie das, was sie laut Medizinischem Dienst der Krankenkassen noch selber konnte, selber tun ließ, passierte es, dass sie eine Woche lang nicht gewaschen war. Und dann kam prompt die Beschwerde: So viel Geld müsse sie zahlen und keiner kümmere sich um sie!

Ihr Leiden hatte sie störrisch, boshaft und hinterhältig werden lassen, resümierte Renate. Na ja, vorbei! Und trotzdem: Keiner hätte damit gerechnet, dass sie demnächst sterben würde. Das Sprichwort vom Unkraut, das nie vergeht, erwies sich wieder einmal als falsch.

So schnell kann's gehen, hatte Kevin vorhin gemeint. So als wollte er sagen, er habe schon immer gewusst, dass sie's nicht mehr lange macht.

Er war wohl jetzt endlich so weit mit seiner Dokumentation. Gerade hängte er den letzten Ordner zurück in den Aktenwagen.

„Also dann, erzähl mal.“ Jetzt wollte sie aber doch Genaueres wissen.

In dem Moment, als Kevin sich wohl seine ersten Worte zurechtlegte, hörten die beiden Geschnatter und Gelächter von draußen, aus Richtung des Aufzuges. Sie tauschten einen wissenden Blick aus: Das war Irene, die mit einer weiteren Pflegerin soeben vom Treppenhaus aus die Station betreten hatte. Wie immer versuchte sie vergeblich, den noch schlafenden Bewohnern zuliebe ihre Stimme zu dämpfen.

Die beiden im Schwesternzimmer hatten sich wortlos verständigt noch zwei Schluck Kaffee lang zu warten. Als Kevin seine Tasse zum Mund führte, bemerkte Renate ein ganz leichtes Zittern bei ihm.

Zusammen mit der bereits identifizierten Person betrat Larissa den Raum. Irene begrüßte wie immer lachend und plappernd die Chefin und Kevin, während sich Larissa kurz zu Kevin herunterbeugte und ihm wie gewohnt ein Küsschen auf jede Wange hauchte.

„Frau Sausele ist gestorben“, offenbarte Renate den beiden, während sie sich setzten.

„Frau Sausele?“ Irene schnitt eine erstaunte Grimasse. Larissa schaute nur Kevin an und schwieg.

„Frau Sausele“, bestätigte der Krankenpfleger. „Sie ist einfach eingeschlafen und nicht mehr aufgewacht.“ Er strich sich dabei nervös über seine Stoppelhaarfrisur, sah Renate an und fuhr fort: „Gegen halb eins hab ich sie das letzte Mal gelagert. Da hat sie fest geschlafen. Sie ist nicht mal so richtig wachgeworden, als ich ihre Einlage gewechselt habe.“

„Ist ja auch kein Wunder, bei der Dröhnung“, quakte Irene.

„Irene!“ Renate schüttelte den Kopf. „Das Thema haben wir gestern genug diskutiert. Jetzt lass mal Kevin fertig erzählen.“ Sie wusste, dass eigentlich alle so wie Irene dachten, nur behielten sie es im Gegensatz zu ihr für sich.

„Na ja ...“ Kevin kratzte sich merkwürdig fahrig am unrasierten Kinn. „Als ich halb drei wieder reinging, lag sie mit offenem Mund da und hat nicht mehr geschnauft. Am Hals konnte ich keinen Puls mehr fühlen. Ich habe gleich Dr. Frischauf angerufen. Der war innerhalb von dreißig Minuten da und hat das Gleiche wie ich festgestellt: Exitus. Die Todesursache hast du ja gelesen, Renate.“

Die Chefin nickte. „Herzversagen“, teilte sie nachdenklich den beiden Neuankömmlingen mit.

Wieder herrschte einen langen Augenblick betretene Stille im Stationszimmer, so als hätten alle eine Gedenkminute eingelegt.

„Und was denkst du, Kevin?“ Renate durchbohrte den drahtigen Krankenpfleger geradezu mit ihrem Blick. Was sie nun indirekt gefragt und worauf Irene vorhin angespielt hatte, was wohl aber keiner aussprechen wollte, war: Hatte der Tod von Frau Sausele mit einer gewissen Begebenheit des gestrigen Tages zu tun?

„Was ich denke?“ Kevin blickte Renate nur kurz an und lehnte sich in seinem Drehstuhl zurück. „Meine Meinung ist bekannt und hat sich nicht geändert.“

Wieder sagte keiner etwas, nicht einmal Irene.

Schlau ausgewichen, erkannte Renate leicht verärgert. Kevin hatte damit nichts darüber verraten, was er von Sauseles Herzversagen hielt. Beziehungsweise davon, ob ihr Tod vielleicht doch eher etwas mit der Extradosis Morphium zu tun haben könnte, die ihr Dr. Hansen gestern Nachmittag gespritzt hatte. Das war es eigentlich, was sie von ihm wissen wollte, und das wusste er. Dass sich Kevins Meinung in diesem Punkt von Renates beträchtlich unterschied, daran brauchte er sie nicht zu erinnern.

„Der Herr Doktor wird schon gewusst haben, was er macht“, seufzte sie ironisch.

„In dem Fall schon“, stimmte Kevin zu.

Die Stationsleiterin schaute in die Runde: Die anderen zwei wussten Bescheid. Kevin hatte damit nun doch etwas darüber verraten, wie er über Marta Sauseles Todesursache dachte.

Renate musste sich eingestehen, dass sie sich mit Opiaten in der Schmerztherapie noch nicht besonders intensiv beschäftigt hatte. Sicher kannte sich Kevin auch auf diesem pharmakologischen Gebiet besser aus als sie. Bevor das mit Frau Sausele losging, hatte Renate nur mit Bewohnern zu tun gehabt, deren Hausärzte chronische Schmerzen ihrer Patienten mit niedrigen Dosierungen in den Griff bekamen. Aber wenn immer ein Arzt das Wort Morphin in den Mund nahm, oder noch schlimmer, einfach Derartiges verschrieb und Renate erst in der Packungsbeilage von dem Wirkstoff erfuhr, wurde sie misstrauisch. Betäubungsmittel waren ihr schon immer suspekt.

Und in den Händen von Dr. Hansen schon zweimal.

Sie hatte das Gefühl, dass er zu großzügig damit umging. Morphium machte süchtig. Man brauchte immer mehr davon. Und wie viel hätte Frau Sausele in ein oder zwei Jahren einnehmen müssen, damit es noch wirkte? Renate hatte sich dafür eingesetzt, dass sie zu einem Schmerztherapeuten überwiesen würde. Aber Hansen meinte, das  bis zur bevorstehenden OP selber hinzukriegen. Und danach, so glaubte er, würden die Schmerzen sich wohl fürs Erste auf ein für sie erträgliches Minimum reduziert haben.

Auch Kevin stand Dr. Hansen kritisch gegenüber; was die Schmerzbehandlung von Frau Sausele betraf, prallten seine und Renates Ansichten allerdings frontal aufeinander. Dem Krankenpfleger waren die Dosierungen eher noch zu gering. Auch jetzt schien er daran nicht zu zweifeln. Er schaute sie nun wieder mit seinem gewohnt selbstsicheren, ein wenig arroganten Blick an.

Aber trotzdem, etwas stimmte mit ihm nicht. Es schien Renate, als müsste er sich anstrengen, so locker wie sonst zu wirken. Er war zweifellos sehr angespannt. Die Stationsleiterin bemerkte wieder dieses leichte Zittern und ein nervöses Zucken. Es fiel nur dem auf, der ihn lange genug kannte und besonders aufmerksam hinsah.

Sie wollte ihn gerade fragen, ob er sich noch nicht an den umgekehrten Tagesrhythmus gewöhnt und zu wenig geschlafen oder sehr viel Kaffee getrunken hatte, als sich Anna hereinschlich. Keiner hatte sie kommen gehört, bevor sie den Raum betrat.

„Morgen“, säuselte sie und fügte routiniert hinzu: „Schuldigung. Bin n’ bisschen spät.“

Die vier Anwesenden begrüßten die Achtzehnjährige so, als wäre es normal, dass sie acht Minuten nach Beginn der Übergabe erschien. Renate überlegte kurz, ob sie ihre Unpünktlichkeit wieder einmal beanstanden sollte, entschied sich aber dagegen. In ein paar Wochen würde Anna ihr einjähriges Freiwilliges Soziales Jahr hinter sich gebracht haben. Die Chefin mochte die Kleine mit den flammrot gefärbten Haaren, obwohl sie häufig zu spät kam und so schusslig war, wie ein chronisch unglücklich verliebter Teenager nur sein konnte. Sie war sehr fürsorglich, freundlich zu den Heimbewohnern und machte die kleinen Missgeschicke mit ihrem Charme wieder gut.

„Frau Sausele ist gestorben“, informierte Irene sie, sichtbar betroffen. Renate wurde sich jetzt erst bewusst, dass Anna sie irritiert angesehen hatte, wohl, weil nach ihrer Begrüßung schon wieder alle einen Moment lang geschwiegen hatten.

„Ach“, ließ Anna verlauten, sich offenbar nicht sicher, ob sie das als gute oder schlechte Nachricht werten sollte.

„Gerichtet ist sie noch nicht?“, fragte Renate vorsichtig und blickte zu Kevin.

„Bin leider nicht mehr dazu gekommen, sie zu waschen“, musste er eingestehen. „Ich hab ihr nur die Augen geschlossen und das Kinn hochgebunden.“

„Das kann man ja nicht auch noch von der Nachtwache verlangen“, verteidigte Irene ihn unnötigerweise.

„Das war eine normale Frage, Irene, damit ich uns die Arbeit einteilen kann“, erwiderte Renate und seufzte: „Ich wasch sie dann.“ Sie zögerte kurz und fügte hinzu: „Wer hilft mir?“

„Ich kann das nicht“, rief Anna und streckte abwehrend die Hände nach vorn.

„Musst du auch nicht“, stand ihr Irene bei. „Ich helfe dir, Renate“, bot sie der Stationsleiterin an. „Kein Problem.“

Renate nickte, war aber noch nicht ganz zufrieden: „Sie sollte noch vor dem Frühstück gerichtet sein. Wenn der Chef den Sohn angerufen hat, wird der sicher gleich vorbeikommen und sie sehen wollen“, gab sie zu bedenken.

Larissa drehte den Kopf zur Tafel mit dem Pflegeplan für den Tag, die schräg über ihr an der Wand hing, und sagte: „Ich nehme dir dann jemanden zum Waschen ab. Frau Ziehmer, ist das okay, Renate?“

Auch die Stationsleiterin studierte nun den Plan und nickte wieder. „Das wäre nett. Ich helfe nachher Irene bei der Büchler. Am besten du machst die Ziehmer zwischen Auerbach und Beckmann.“

„Ach was, ich schaff das schon“ erklärte Irene.

Jetzt fühlte sich auch Anna, sichtlich lustlos, verpflichtet ein Hilfsangebot machen: „Wen kann ich euch noch abnehmen?“ Sie drehte sich kurz symbolisch zur Tafel über ihrem Kopf um.

„Mach du mal deine Leute, wir kommen schon zurecht“, entgegnete Renate und sah Anna erleichtert aufatmen.

„Also, ich geh dann mal“, schaltete Kevin sich ein und stand dabei auf. „Ich wünsche euch trotz allem noch einen schönen Tag“, lächelte er. „Und bis Donnerstag. Dann ruft mich des Dienstes immer gleichgestellte Uhr wieder früh um sechs aus dem Nest und ich darf endlich wieder zu euch stoßen.“

Irene sang langgezogen „Ach, schön!“

„Das war von Schiller“, ergänzte Kevin für Anna, weil die verständnislos den Kopf schüttelte. „Friedrich Schiller – schon mal gehört?“

Anna verdrehte die Augen.

„Und jetzt hast du drei Tage frei, richtig?“, fragte die Chefin.

„Na, sagen wir mal zweieinhalb. Den heutigen werde ich ja zur Hälfte verschlafen. Also, macht's gut, Leute.“

Ungewohnt schnell war er aus in der Tür.

„Bis Donnerstag! Und erhol dich!“, rief Renate ihm noch hinterher. Ihr schien es, als habe er heute geradezu unter Strom gestanden. Bei den vergangenen neun Übergaben frühmorgens, war ihm kein Zeichen von Übermüdung anzumerken gewesen. Nichts hatte auf Probleme durch die Umstellung auf den Nachtdienst hingedeutet. Er hatte immer entspannt in seinem Drehstuhl gelümmelt und wie üblich seine Sprüche vom Stapel gelassen. Heute war er eher einsilbig gewesen. Und er hatte eben diese rätselhafte Unruhe an sich gehabt.

                                *

Auch Larissa war aufgefallen, wie blass Kevin aussah und wie nervös er wirkte. Allerdings schrieb sie dies weniger seinem zehnten Nachtdienst in Folge zu. Für sie hatte das ganz klar mit etwas anderem zu tun. Schon am heutigen Morgen hatte sie sich wieder die ganze Zeit den Kopf darüber zerbrochen: Gestern Abend, als Kevin bereits im Heim gewesen war, hatte sie von Betti einen Anruf erhalten. Ihre beste Freundin hatte ihr etwas offenbart, von dem Kevin noch nichts wusste. Und obwohl es so völlig unverhofft nun auch wieder nicht gekommen war, für Larissa war es ein äußerst einschneidendes Ereignis: Betti hatte Kevin verlassen! Sie hatte ihre Koffer gepackt, als Kevin schon auf dem Weg zur Nachtschicht gewesen war, und war Hals über Kopf ausgezogen.

Larissa hätte ihm das vorhin gerne gesagt, hatte sich aber doch nicht dazu durchringen können. Sie hatte das selber noch nicht einmal richtig verdaut. Die ganze Zeit während der Übergabe meinte sie, dass es gerade unpassend und außerdem überflüssig sei. Denn sie wusste, dass Betti sowieso einen Abschiedsbrief für Kevin hinterlegt hatte.

„Na, Larissa, du konntest Kevin wohl heute auch nicht aufmuntern?“ Renates Frage holte Larissa plötzlich aus ihren Überlegungen. Die gelernte Arzthelferin nickte stirnrunzelnd: „Den wird vielleicht der Schlag treffen, wenn er heimkommt.“

„Was?“ und „Wieso?“, schallte es von zwei Seiten.

Irene, die sonst nie sprachlos war, schaute sie nur mit offenem Mund fragend an.

„Seine Freundin hat ihn verlassen“, fing Larissa an. „Er weiß noch nichts davon. Betti hat ihm gestern Abend einen Abschiedsbrief geschrieben, als er schon hierher unterwegs war. Ja, ... und dann ist sie ausgezogen.“ Nach den letzten Worten hob sie die Hände, so als wären drei Pistolenläufe auf sie gerichtet. „Ich war selber total überrascht“, fügte sie noch als Entschuldigung hinzu.

Genauso ging es wohl jetzt den anderen. Eine Sekunde lang schauten sie verdattert, dann prasselten die Fragen auf Larissa herein: „Die Bettina?“, fragte Irene völlig unnötig, denn wie der größte Teil des Pflegepersonals kannte auch sie Kevins Freundin.

Anna schraubte ihren Kopf theatralisch zu Larissa herum, was putzig aussah: „Das ist doch die dünne Schwarzhaarige, die manchmal den Hansen begleitet hat?“

„Wie denn das?“, wollte Irene plötzlich noch fast gleichzeitig wissen.

Die ersten zwei Fragen hatte Larissa bereits mit einem Nicken in die jeweilige Richtung abgefertigt. Jetzt erzählte sie weiter: „Betti hat mich gestern Abend zu Hause angerufen. Sie hat gesagt, dass sie ab sofort nicht mehr mit Kevin zusammen sei. Sie hatten sich wieder mal gestritten, danach hat sie ihre Koffer gepackt und ist zu ihrem Neuen gezogen.“

„Einfach so?“ Anna schien relativ bestürzt zu sein.

„Die beiden hatten schon eine ganze Weile ziemlichen Stress. Und gestern ist anscheinend das Fass übergeschwappt. Den neuen Typen, diesen Andrej kannte sie schon länger.“

„Das heißt, sie hat Kevin beschissen?“, entrüstete sich Anna.

„Wenn man so will“, gab Larissa zu.

„Und du hast davon gewusst?“, hakte Anna nach.

„Ja, aber ich habe den Typen noch nicht mal gesehen“, verteidigte sich Larissa. „Ich weiß nur, dass sie ihn Samstagabend bei der Party von ihrem Chef wiedergetroffen hat.“

„Na ja, die jungen Leute bleiben heutzutage nicht mehr unbedingt für immer zusammen“, bemerkte Irene.

„Nicht nur die jungen“, entgegnete Larissa.

„Geht uns auch alles nichts an“, schritt Renate ein, die wohl keine Lust hatte, über Kevin zu tratschen.

„Da hast du recht, Renate. Aber unser Kevin sieht heute irgendwie schon mitgenommen aus. Die beiden hatten bestimmt Stress“, vereitelte Irene den Versuch das Thema abzuwürgen und sah fragend Larissa an.

„Er hat ja auch zehn Nächte hinter sich“, verteidigte Renate ihren Lieblingspfleger.

„Ja, wollte er nicht ganz in den Nachtdienst wechseln?“ fragte Irene nun und drehte sich wieder zu Larissa, von der sie sich vermutlich eine Insiderinformation erhoffte.

Die antwortete: „Er wollte erst mal ausprobieren, ob er damit klarkommt, und später vielleicht als Dauernachtwache anfangen.“

„Das wird er sich jetzt wohl noch mal gut überlegen. Drei Todesfälle in zehn Nächten. Das ist schon hart“, leierte Irene.

„Und zwei haben ihn noch mal richtig geplagt“, pflichtete Renate ihr nachdenklich bei.

„Jetzt häuft sich's aber auch wieder. Letzte Woche Frau Leutle und Herr Fritz, heute die Sausele“, zählte Irene auf.

Weil niemand etwas antwortete, führte sie ihren Monolog fort: „Und bei Frau Leutle hätte man auch nicht damit gerechnet. Die war am Tag vorher noch auf dem Bewohnerausflug dabei. Aber, mein Gott, sie ist ja auch zweiundachtzig geworden. Sie wird sich wahrscheinlich doch an dem Tag übernommen haben. Sie war wohl auch nicht beim Abendessen.“

„Und was ist mit Herrn Fritz passiert?“, wollte Anna wissen.

Der Todesfall lag zwar schon mehr als eine Woche zurück, aber sie hatte gerade zwei Tage frei gehabt, als die beiden Bewohner in zwei aufeinanderfolgenden Nächten gestorben waren. Seitdem war sie das erste Mal dabei, wenn sich die anderen über jene Todesfälle unterhielten.

Renate klärte sie auf: „Der ist erstickt. An einem Brötchen. Das war aber seine eigene Schuld. Er wusste, dass er Schluckstörungen hat. Er hatte das Brötchen im Nachtschrank versteckt und nachts angefangen zu vespern.“

Wieder kurzes Schweigen, das von Irene gebrochen wurde: „So ist es halt nun mal, eine Weile ist Ruhe und dann geht's Schlag auf Schlag. Das war schon immer so.“ Sie holte Luft, stellte fest, dass niemand etwas einzuwenden hatte, und fuhr fort: „Aber Frau Sausele wollte ja eigentlich gar nicht mehr. Wann ist das scheiß bissle Leben endlich zu Ende, hat sie in letzter Zeit immer gebarmt!“

Niemand unterbrach, also plapperte sie weiter: „Aber die Leutle, die war ja genauso unzufrieden. So gesehen wollte sie auch nicht mehr. Zum Bewohnerausflug ist sie auch bloß mitgegangen, weil die Frau Büchler sie mitgeschleift hat. Alleine hat sie ja nie einen Schritt vor die Tür gemacht.“

„Sie wird sich wohl beim Ausflug die süßen Teile eingeworfen haben bis zur totalen Zuckerfressnarkose“, steuerte Anna bei, indem sie mit ihren Worten ein Gerücht weitergab, das sie irgendwo im Haus aufgeschnappt hatte.

„Frau Leutle hat nachmittags heimlich ein Stück Torte aus dem Kühlschrank genommen und das hat sie nachts gegessen, liebste Frau Kirchner“, klärte Renate Anna in einem Tonfall auf, den Larissa als mindestens leicht gereizt einstufte. Die Chefin redete sonst nur so mit der Kleinen, wenn es einen triftigen Grund dafür gab – jetzt wahrscheinlich deshalb, weil ihr Annas Jargon nicht gefiel.

Renate fuhr fort: „Und der Überzucker war nicht der einzige Grund. Da ist einiges schiefgelaufen. Ich will aber hier nicht gewisse Personen im Haus angreifen, deshalb beenden wir das Thema jetzt lieber.“

Der scharfe Ton hatte gewirkt. Anna traute sich nicht nachzufragen was da wohl schiefgelaufen sei.

„Den Diabetikerfraß kannste nicht mal den Hasen geben!“, gedachte dafür Irene noch einmal der Bewohnerin, indem sie die schimpfende Frau nachäffte. „Och, und der arme Kevin hatte manchmal seine liebe Not!“, jammerte sie nun, gleichzeitig lachend. „Wenn er sie spritzen musste, und sie hat ihn angeschrien ...!“

Larissa vermutete, dass Irene noch einmal mit dem Pfleger litt, ihr die Situation andererseits, aus der Ferne betrachtet aber auch komisch erschien. Aber wahrscheinlich lachte sie auch aus Gewohnheit – weil der Job ohne Humor gar nicht zu ertragen war.

„Die konnte aber auch gemein sein, wenn sie ihre Phase hatte“, steuert Renate nun doch noch bei.

„Mich wollte sie auch schon mal rausschicken. Man musste ihr halt geduldig erklären, was passiert, wenn sie ihr Insulin nicht kriegt“, prahlte Irene jetzt.

„Irene, das wusste die selber ganz genau!“, schaltete sich Larissa zum ersten Mal in die Gesprächsrunde über die Todesfälle ein. „Die wollte provozieren. Und bei manchen klappte es halt.“

„Ich hatte nie Probleme, vor mir hatte sie einfach Respekt“, behauptete Anna.

Darüber mussten alle lachen. Irene tätschelte Anna. „Dich hat sie halt gerngehabt. Du warst ihr Enkele, wie sie immer gesagt hat.“

„Ja klar, aber die nicht mein Omile!“

Für einen Moment versiegte das Gespräch, bis Irene wieder begann: „Als ob sie dem Kevin damit noch mal eins auswischen wollte, dass sie gerade in seiner Schicht sterben musste.“ Und nach einem Seufzer: „Nachtwache ist halt doch nicht so leicht, wie mancher sich das vorstellt.“

„Leute, es ist sieben!“ Renate erhob sich. „Wir sollten anfangen, sonst schaffen wir es nicht.“

*

Als die anderen den Raum verlassen hatten und Renate am Medikamentenschrank stand, um Tropfen, Säfte, Tabletten, Kapseln, Pulver und Dragees in die Becherchen auf dem Tablett zu verteilen, fiel es ihr schwer sich auf diese Arbeit zu konzentrieren. Obwohl sie sonst selber forderte, auch bei solchen Routinetätigkeiten immer hundertprozentig bei der Sache zu sein, arbeiteten ihre Hände nun beinahe selbstständig, während ihre Gedanken zunehmend abdrifteten.

Bestimmte Bilder drängten sich immer wieder in ihr Bewusstsein: gestern, die heulende und zeternde Frau Sausele in ihrem Bett, Dr. Hansen, der Renate mit ungewohnter Selbstsicherheit mitteilte, dass er der Frau einen Milliliter Morphium intravenös injizieren werde; heute Morgen Kevin, der jetzt stärker mitgenommen aussah als bei den beiden Todesfällen letzte Woche. Und die waren, weiß Gott, zu außergewöhnlich gewesen, als dass sie jemand, der so nah wie Kevin dabei war, einfach so wegstecken konnte!

Der gestrige Sonntagnachmittag bis zu ihrem Feierabend zog noch einmal im Schnelldurchlauf an Renate vorbei: Sie hatte mit Anna die erste Schicht gemacht. Sie hatten von morgens halb sieben bis sechszehn Uhr dreißig durchgearbeitet. Irene und Larissa hatten geteilten Dienst, also Pause von zwölf bis sechszehn Uhr dreißig. Renate war mit Anna allein auf der Station, was das Pflegepersonal betraf, als Frau Sausele nach dem Kaffee ihr Drama aufführte.

Gejammert hatte Frau Sausele schon den ganzen Tag, aber erst als ihr Sohn da war, ging es richtig los. Anna beeindruckte das sehr. Sie kannte die Frau noch nicht so lange wie Renate und wusste nicht, dass sich Frau Sauseles Verhalten am gestrigen Nachmittag nicht allein mit unerträglichen Schmerzen erklären ließ, sondern auch damit, dass die Frau, bildlich gesehen, brillant Theater spielte.

Sauseles Sohn kam wie jeden Sonntag zur Kaffeezeit. Von da an klingelte die Sausele zweimal, erklärte heulend, dass sie es nicht mehr aushalte, und fragte, ob sie zusätzlich etwas gegen die Schmerzen bekommen könne. Dem Sohn war das sehr unangenehm. Einmal schickte sie Anna rein, das zweite Mal ging Renate selbst ins Zimmer und erklärte ihr, dass sie sich an die Anordnung von Dr. Hansen halten mussten; und der hatte kein Schmerzmittel für zwischendurch verschrieben. Nach einer Viertelstunde fragte dann der Sohn, ob er vom Schwesternzimmer aus Dr. Hansen anrufen könnte.

Der Arzt erschien prompt, und zehn Minuten später hatte die geplagte Frau ihre Spritze. Aber das Gezeter fing bereits kurze Zeit später wieder an. Hansen war da noch immer anwesend. Der Hausarzt der Sausele und gleichzeitig ein guter Freund des Sohnes blieb noch eine halbe Stunde bei seinen beiden Privatpatienten, obwohl er eigentlich frei hatte. Erst als beide weg waren – der Sohn und dessen Freund – war die Sausele ruhig.

Nicht, dass Dr. Hansen leichtsinnig wäre. Nein, er hatte sich zuerst bei Renate erkundigt, welche Medikamente in welcher Dosis seine Patientin am Sonntag bereits erhalten hatte. Vor allem in Bezug auf die Bedarfsmedikation, das Diazepam, das sie eigentlich nur abends bekommen durfte. Er wollte sichergehen. Dann sagte er zu Renate, dass man das Diazepam an diesem Abend auf keinen Fall geben solle, auch wenn die Spritze dann nur noch sehr schwach wirken würde. Renate bat ihn, diese Anordnung zu dokumentieren. Das tat er. So weit war alles in Ordnung. Worüber zerbrach sie sich also jetzt den Kopf? Dr. Hansen war kein nachlässiger Arzt. Im Gegenteil, er war gewissenhaft.

Andererseits ...

Er war eben nicht sehr selbstsicher, fragte oft ältere, erfahrene Pflegekräfte, was sie von diesem oder jenem Medikament hielten. Eine Formulierung, die nie fehlte, zumindest nicht, wenn Renate dabei war, lautete: „Dann versuchen wir's mal mit ..., nicht?“

Und dann folgte immer ein fragender, um Zustimmung bittender Blick. Das war gestern nicht so gewesen. Sie war auch gar nicht dazu gekommen, ihm zu sagen, was sie von einer Ampulle Morphium zusätzlich hielt. Als sie ins Schwesternzimmer kam, hatte er den Medikamentenplan studiert. Nachdem er sich vergewissert hatte, dass alles in Ordnung war, und ihr mitgeteilt hatte, was er zu tun gedachte, war er schnurstracks wieder hinausgeeilt.

Die Sausele wiederum hatte unsichere Menschen ja auszunutzen gewusst. Oft genug hatte sie Pflegeschüler, oder überhaupt junge Pflegekräfte, um den Finger gewickelt. Wie eine Kaiserin hatte sie sich von ihnen bedienen lassen!

Hansen war zwar nicht gerade unerfahren, doch leicht beeinflussbar allemal. Sie hatte sicher Schmerzen gehabt, verfügte aber eben auch über ein großes schauspielerisches Talent. Außerdem war sie Privatpatientin gewesen. Was, wenn sie die Unsicherheit ihres Hausarztes ausgenutzt, ihn und ihren Sohn so lange genervt hat, bis Hansen nicht mehr anders konnte, als ihr die Spritze zu geben, und der Arzt sich schließlich mit der Dosis verschätzt hat? Immerhin war Frau Sauseles Kreislauf in letzter Zeit geschwächt, zum einen durch das Morphium, was sie täglich bekam, und zum anderen, weil sie sich kaum bewegte. Und sie hatte keinen Lebenswillen mehr, zumindest in letzter Zeit nicht. Was, wenn sie sich von ihrem Hausarzt das unerträgliche Leben hat verkürzen lassen? Was wäre dann? ...

Gar nichts. Jetzt nicht mehr. Es wird keiner danach fragen. Ihr wohlhabender Sohn wird noch eine, seinem Prestige angemessene, repräsentative Beisetzung für sie arrangieren. Und damit wird das Kapitel Marta Sausele abgeschlossen sein.

Wozu sich also den Kopf zerbrechen? Wenn es so gewesen sein sollte, dann hätte sie es selbst so gewollt.

Aber andererseits, vielleicht hatte sie nur eine depressive Phase gehabt und nach der OP wäre ihr Lebensmut wiedergekehrt? Ihre Zeit war eigentlich längst noch nicht gekommen! Das wussten nicht nur Renate und alle Pflegerinnen, die einige Jahre in diesem Geschäft waren. Dr. Hansen hatte selber noch vor Tagen gesagt: „Sie wird trotz ihrer Krankheit noch zehn Jahre leben, wenn man ihr den Fuß entfernt.“

Das waren seine Worte gewesen!

So ging es in Renates Kopf hin und her, bis sie feststellte, dass sie schon die Tabletten bis zum Abend vorbereitet hatte. Jetzt musste sie nur noch die selbstständige Arbeit ihres motorischen Zentrums in der linken Gehirnhälfte von den entsprechenden sensorischen Rindenfeldern ihres Großhirns überprüfen lassen. Nicht, dass irgendwo statt einer Schlaftablette eine Pille zur Ödem-Ausschwemmung gelandet war.

In irgendeinem Zimmer hörte sie Irene schimpfen. Ansonsten war es noch immer ruhig im Haus. Die Station erwachte erst so gegen halb acht ... Wie spät war es eigentlich?

Sie sah hinter dem Medikamentenschrank hervor, um auf die Uhr über der Tür zu schauen – zuckte vor Schreck zusammen, wich gleichzeitig zurück und stieß mit der Wade heftig gegen einen Stuhl, der hinter ihr stand. Sie starrte zur Tür und spürte, wie sich die langen, blond getönten Haare auf ihrem Kopf vergeblich aufzustellen versuchten.

„Herr Eiche! Was machen Sie hier?“ Renate erwartete keine Antwort von dem Hünen, der stumm im Schlafanzug in der Tür stand und sie vorwurfsvoll und zugleich irr anstierte. Unbewusst hatte sie nur ihre plötzliche Panik kanalisieren wollen. Doch ihre Stimme klang nicht so scharf, wie sie es von sich gewöhnt war – eher dünn und seltsam trocken. Die Stille des engen Raumes schien ihre Worte zu verschlucken. Wahrscheinlich hätten sie Herrn Eiche sowieso nicht erreicht.

In ihrer Halsschlagader klopfte das Blut, schnell und schmerzhaft. Irgendwie musste sie die Situation unter Kontrolle bekommen. „Gehen Sie mal ganz schnell zu Ihrer Station!“

Der Riese bewegte sich keinen Millimeter, stattdessen glotzte er Renate nun an, wie ein Zoobesucher den Vogel im Käfig. Als sie ihre Aufregung einigermaßen im Griff hatte, kamen in Sekundenbruchteilen scharenweise die Fragen: Wie war der Mann so leise bis hierher ins Schwesternzimmer gekommen? Wenn sie ehrlich war, hatte sie vorhin sogar ein schlurfendes Geräusch auf dem Flur gehört, es aber nicht beachtet. Warum auch? Sie hatte sich auf ihre Medikamente konzentriert. Und wer denkt denn an so was? Aber wieso stand der verwirrte Mann überhaupt um diese Zeit hier und lag nicht fünfzehn Zimmertüren weiter auf Station A in seinem Bett? Hatte er sein Sedativum nicht bekommen? Oder war es schon wieder so weit, dass er nach Weinsberg zum Einstellen müsste, weil die Dosis nicht mehr ausreichend wirkte? Wichtiger war allerdings: Wie kam sie hier heil heraus? Immerhin hatte Herr Eiche in seinen aggressiven Phasen mit seiner Kraft schon für gefährliche Situationen gesorgt.

Aber die von Station A waren ja immer irgendwie mit ihm fertig geworden. Sie erkannte, dass ihr Organismus überregagierte. Schließlich hatte sie kaum geschlafen und sowieso schon zu viele Stresshormone im Kreislauf.

Einfach aktiv werden, reden, aber gleichzeitig ruhig bleiben!

„Herr Eiche, Schwester Martina wird Sie schon suchen. Wir gehen am besten zusammen zu ihr.“ Sie schob den ausziehbaren Medikamentenschrank vorsichtig hinein und ging, möglichst offen, langsam auf den Mann zu, der immer noch den Türrahmen ausfüllte. „Oder werden sie heute vom Herrn Locke versorgt?“

Noch ehe Renate bei ihm angelangt war, machte Herr Eiche plötzlich einen Schritt nach vorn, bellte dumpf etwas, das wie „No“ klang, und nahm mit geballten Fäusten die drohende Haltung eines Boxers ein. Eine Gebärde, die bei ihm nicht neu und in der Regel ungefährlich war, aber deren Bedeutung man nie richtig einschätzen konnte. Momentan sah es so aus, als wolle er Renate weder an sich heran noch aus dem Schwesternzimmer lassen.

Sie blieb in der Mitte des Zimmers stehen. „Jagen Sie mir nicht so einen Schrecken ein!“ Die Stationsleiterin versuchte zu lächeln und freundlich aber zugleich selbstsicher zu klingen. „Sie sollten sich was anziehen. Sie wollen ihre Kinder doch bestimmt nicht im Pyjama begrüßen.“

So wie er dastand, wollte er das Spiel „Ätsch gefangen!“ spielen. Jetzt grinste der Alte auch noch zahnlos. Ein bizarres Bild, eigentlich zum Lachen. Das würden sie später sicher auch zusammen tun, wenn Renate es den anderen erzählt hatte.

Nur gab es jetzt gerade ein kleines Problem: Die Architekten der hausinternen Notrufanlage waren wohl nicht davon ausgegangen, dass eine Mitarbeiterin im Schwesternzimmer am Kaffeetisch sitzend dringend Hilfe benötigen würde. Deshalb befand sich der einzige Alarmknopf des Raumes über dem Schreibtisch, direkt neben der Tür. Den Weg dorthin versperrte Herr Eiche.

                                 *

„Zu viel Schatten hier! Überall die grauen Schatten! ..., schwerer als je im Jahr, lasteten über der grauen Stadt ...“

Wieder verkettete sich ganz von selbst einer der Ausdrücke, mit denen sie ihre Empfindungen ausmalte, mit einem der alten Verse, die ihr noch aus ihrer Theaterzeit in Berlin geläufig waren. Elvira Degner spulte die Zitate ab, ohne sich anstrengen zu müssen. Wie Eisenbahnwagons rollten sie einfach so durch ihren Kopf. Sie vertrieben ein bisschen die Angst: „In der Nacht hatte ein letzter nasser Novembersturm von Westen her die alten Dächer unsanft gerüttelt ... und alle ängstlichen und wundergläubigen Herzen jäh aus geruhigem Schlaf geheult“, rezitierte sie flüsternd.

Lass ihn heulen da draußen.

Doch die Schatten machen einem Angst.

Das Licht hilft. Aber nur wenig. Es ist zu schwach. Die grauen Schatten sind zu mächtig!

Dort drüben, was ist das?

Ich muss Herbert anrufen. Er wird das verstehen. Es kann nun mal später werden, wenn Theaterleute zusammensitzen. Er muss sich um Herta kümmern, sie ins Bett schicken. Nicht, dass sie wieder bis spät in die Nacht liest!

Elvira Degner schaute ängstlich unter der Bettdecke hervor. Ihre Phantasie spielte manchmal verrückt, vor allem dann, wenn die Achtzigjährige mitten in der Nacht aufwachte. Sie wusste, dass sie dann Unterzucker hatte und sich ihr Kreislauf so tief im Keller befand, dass ihr Kopf nicht mehr ausreichend durchblutet war. Aber dieses Wissen nutzte nichts – da drüben war wieder so ein Schatten, der äußerst bedrohlich wirkte.

Sie reckte vorsichtig ein wenig den Hals.

Man muss das besser ausleuchten, schimpfte der Intendant.

Die dunkle Silhouette war beängstigend groß – aber kein Mensch. Nur ein grauer Haufen, wie eine Gewitterwolke, da wo der Stuhl zwischen ihrem Kleiderschrank und dem Tisch stand. Hinter jener dunklen Wolke schien das Licht durch die Milchglasscheibe über der Badtür auf den Schrank. Dieses Licht holte sie langsam in die Wirklichkeit zurück.

Der bedrohliche Haufen war nur das Deckbett der Stummen. So nannte Frau Degner ihre Zimmermitbewohnerin. Die Schwestern hatten es zum Auslüften über die Stuhllehne gehängt. Sie war also gar nicht im Theater. Sondern?

... im Pflegeheim!

Umso schlimmer! Hier im Reich der Schatten bekam jeder dunkle Fleck eine neue, unheilvolle Bedeutung. Besonders seit der letzten Nacht.

Durch die heruntergelassenen Rollläden gelangte ebenfalls matter Lichtschein in die düstere Kammer – die Straßenlaternen brannten hier die halbe Nacht. Über dem Bett der Stummen malte es helle Streifen an die Wand, auf denen sie sich wiederum abzeichneten – die Schatten. Elvira Degner konnte die Stumme nicht sehen. Sie lag dort wahrscheinlich unter einem Berg Kissen begraben. Aber den gespenstischen Schatten der Maschine, den sah sie an der Wand: die Säule, die Flasche, die da hing und an der Wand viel dicker aussah, ebenso wie der Schlauch, der in die Stumme hineinführte. Und der diabolische Apparat selbst, der ständig langsam tickte wie eine Uhr, die nur jede zweite Sekunde zählte, derweil die Flüssigkeit in die Stumme lief.

Bei dem Gedanken schaute sie unwillkürlich auf ihren Funkwecker. Die leuchtenden Zeiger zeigten fünf Minuten nach halb drei an.

Aber es war zu laut für diese Uhrzeit!

Erst jetzt wurden ihr die Geräusche vor der Zimmertür bewusst. Was war da draußen los? Das grenzte ja schon an Lärm. Doch sich über die nächtliche Ruhestörung zu beschweren – das war nicht ihre Art. Und in der momentanen Situation zog sie es schon zweimal vor, sich lieber noch tiefer unter der Bettdecke zu verkriechen.

Die Zimmertür flog auf, rabiat und gnadenlos. Das Licht explodierte regelrecht und blendete sie. Ihr Atem stockte vor Angst. Das war das Jüngste Gericht. Mephisto persönlich, mit den Gesichtszügen von Gustaf Gründgens, kam zur Tür herein und wollte ihre Seele einfordern.

„Was ist denn hier wieder los?“, fragte er. Es war der lange Pfleger, Max. Er ging ans Fenster und kurbelte die Rollläden hoch. Nun kam das grelle Licht auch von hier aus herein ... Sonnenlicht!

„Ach, Grüß Gott, Frau Degner. Jetzt seh ich Sie erst.“

Für einen Moment war sie total durcheinander und unsicher, ob sie träumte oder nicht.

Der Pfleger setzte sich auf den Bettrand. „Wenn Sie tagsüber auch noch die Jalousien runterlassen, brauchen Sie sich nicht zu wundern, wenn Sie Frühstück und Abendessen verwechseln.“

Max hatte keinen Nachtdienst, das wusste Elvira Degner. Und, die Sonne schien ...

„Welche Mahlzeit bringe ich Ihnen gleich rein? Hm? Können Sie mir das sagen?“

Es war halb drei, und es schien etwas zu Essen zu geben – „Kaffee.“

„Ihren Nachmittagskaffee, richtig getippt. Willkommen zu Hause in der Gegenwart. Das Mittagessen haben Sie verschlafen, hat mir Schwester Renate gesagt. Wohl eine unruhige Nacht gehabt?“

Das traf den Nagel auf den Kopf! Woher wusste er das?

„Ich bringe Ihnen mal den Kaffee. Vielleicht ist der Streuselkuchen auch Ihr Geschmack.“ Er klappte das Brett des Nachttisches aus, ging hinaus in den Lärm und kam mit einem Tablett wieder herein. Vorsichtig stellte er es auf dem Klapptischchen ab. „Kommen Sie, verschlafen Sie nicht den ganzen Tag. Soll ich Ihnen Kaffee einschenken?“ Er tat es einfach. Dann ging er zur Stummen hinüber, redete mit ihr und hantierte an ihr herum.

Elvira Degner blieb liegen und schaute sich im Zimmer um. Die grauen Schatten waren verschwunden. Die Wände waren nun beige, die eine leuchtete sogar hell im Sonnenlicht. An der leuchtenden Wand stand ihre alte Kommode aus gutem Eichenholz. Auf den kunstvollen Besätzen sonnte sich weißer Staub. Oben, auf der Kommode, die Bilder ihrer fernen Familie: die Kinder, die Eltern und Herbert, der einmal so jung gewesen war wie dieser Pfleger hier.

Der stand in schneeweißem Hemd und ebenso weißer Hose mit dem Rücken zu ihr vor dem Bett der Stummen. Max war nicht so ein Mensch wie die blonde Schwester, die wie eine Gans schnatterte und sie einfach aus dem Bett zerrte.

Als er mit der Stummen fertig war, kam er wieder herüber und setzte sich nochmal auf den Bettrand. Sie musste immer an Herbert denken, als der noch jung war, wenn sie Max ansah. Der Pfleger war zwar einen Kopf größer als ihr verstorbener Ehemann, aber er hatte dasselbe spitzbübische Lächeln.

Er schaute einen Moment zur Tür, dann wieder zu ihr, und seufzte: „Wenn Sie tagsüber im Bad das Licht aus- und die Jalousien oben lassen würden, wäre Ihnen Frau Schulze sicher dankbar. Sie kann's Ihnen leider nicht sagen, aber sie kommt so total durcheinander. Und ein bisschen Sonne braucht sie auch, genau wie Sie, Frau Degner.“

Sie sagte nichts, schaute ihn nur an.

„Tun Sie mir den Gefallen? Und Frau Schulze. Und sich selber?“ Er ging ins Bad und knipste das Licht dort aus.

„Graue Schatten, schwerer als je im Jahr ...“ rutschte es Frau Degner heraus. Der Pfleger stand vor der Badtür und sah sie fragend an: „Bitte?“

„Da stand er, der graue Schatten.“ Sie deutete aufgeregt zur Tür. Jetzt war die unheimliche Szene wieder präsent, alles Verdrängen hatte nichts genutzt. Sie musste mit Herbert reden!

Max sah kurz zur Tür, kam dann kopfschüttelnd zurück und setzte sich abermals aufs Bett. „Was für ein Schatten, Frau Degner?“

Sie musste es ihm sagen! Wem, wenn nicht Herbert? – Max, natürlich! Der andere, Kevin, sagte, er habe die nächsten Tage frei. Und der Rest ..., die verstanden sie alle nicht. „Ein grauer Schatten! In der letzten Nacht war er im Zimmer. Könnten Sie bitte nachts das Licht anlassen.“

„Sie meinen im Bad?“

„Bitte, ja.“

Max schien Frau Degners Miene zu studieren und zu überlegen, was er von ihrer Bitte halten sollte. „Aber Sie haben doch schon öfters graue Schatten gesehen und Sie sind trotzdem nachts im Dunkeln auf Toilette gegangen, nicht?“

„Der war noch nie hier gewesen.“ Ein Schauer lief ihr über den Nacken, als sie wieder daran dachte.

„Sie meinen also, letzte Nacht war jemand in ihrem Zimmer und jetzt haben Sie nachts Angst.“

Sie nickte und hauchte ein ehrfürchtiges: „Ja!“

„Und Sie sind sich sicher, dass Sie nicht geträumt haben?“

„Ganz sicher, Max“, sagte sie kopfschüttelnd.

„... Oder, vielleicht war es Herr Linde? Kevin! Der hatte Nachtdienst. Bestimmt wollte er nach Ihnen schauen.“

„Ganz sicher nicht, Max. Kevin kommt nie so herein, ... so leise!“

„Gut. In Ordnung. Ich gebe das weiter, Frau Degner.“

„Und, Max: Er war grau! Ein lautloser grauer Schatten.“

„Okay. Ich sag der Nachtwache, sie soll bei Ihnen unbedingt im Bad das Licht anlassen. Sie brauchen sich keine Sorgen zu machen.“

„Versprechen Sie mir das?“

„Ich verspreche Ihnen, dass ich Ihre Bitte weitergebe, Frau Degner. Und die Nachtwache wird dann sicher auch das Licht anlassen.“

Sie war ein bisschen beruhigt.

Max saß da und schien nachzudenken. „Vielleicht war das ja Herr Eiche, letzte Nacht bei Ihnen im Zimmer?“

Sie runzelte die Stirn. Einen Herrn Eiche kannte sie nicht.

„Sie kennen ihn wahrscheinlich nicht. Er ist früher, das heißt bis vor einem halben Jahr, manchmal nachts spazieren gegangen und verirrte sich auch schon mal in ein fremdes Zimmer. Aber dann hat man ihm starke Schlaftabletten verschrieben, und seitdem tut er das nicht mehr.“

Elvira Degner dämmerte etwas. Da war mal etwas gewesen.

„Bloß gestern Abend hatte er wohl seine Tabletten nicht genommen. Und heute Morgen hat er Schwester Renate einen Schrecken eingejagt. Früh, kurz nach sieben, stand er plötzlich bei uns im Schwesternzimmer. Hat sich auch ganz leise angeschlichen. Zuerst wollte er nicht zurück auf seine Station. Dann haben sie ihn aber doch wieder rüberbugsiert.“

Sie hörte interessiert zu.

„Vor dem brauchen Sie jedenfalls keine Angst zu haben, der tut keinem was. Aber das Licht bleibt trotzdem an, versprochen.“

Max stand auf. „Bis später, Frau Degner.“

Der Pfleger ging. Sie glaubte fest daran, dass sie sich auf Max verlassen konnte.