Die Musik kommt, Ulrich Wohlfarth (2005)

Was gibt es Schlimmeres für einen Krimifreund, als einen Kriminalfall vor sich liegen zu haben, bei dem schon nach wenigen Seiten des Rätselratens nach der Person des Täters und des Abwägens der der Tat zugrunde liegenden Motive eines klar wird: Sowohl die potentiellen Täter als auch die möglichen Tatgründe interessieren nach einem langweiligen Beginn nicht mehr die Bohne. Nein, ein Buch würde er sicher nicht darüber schreiben, dachte der diensthabende Ermittler angesichts der eindeutigen Lage, die sich ihm präsentierte. Viel Blut, eine Tote und ein heulendes Nervenbündel. Dann würde es auch einen zweiten Grund dafür geben, kein Buch zu schreiben: Der ganze Fall war so ausgesprochen unappetitlich, dass kein halbwegs normaler Mensch sich dafür interessieren könnte. Es sei denn, es fänden sich viele, die an Beziehungsmorden in den untersten sozialen Schichten Gefallen fänden. Aber da gab es nicht so wahnsinnig viele. Davon war Hoffmann überzeugt. Er hätte sich übergeben können. Billigste Küchenausstattung, schmutziges Geschirr mit Essensresten und eine angejahrte Vettel mit eingeschlagenem Schädel. Der brabbelnde und heulende kleine Mann machte die Sache nicht besser. Die Weinprobe bei Stefan und Petra am Vorabend wäre wirklich nicht nötig gewesen. Er, der sonst nur Wasser und Bier trank, oder umgekehrt, hatte die Einladung angenommen – es war ja gut gemeint von den beiden - aber diese dann auch noch ausgedehnt, was nicht wirklich nötig gewesen wäre. Hoffmann hätte kotzen können. Dem kleinen Mann, der ihn in der Zwischenzeit am Arm gepackt hielt und in einem slawisch eingefärbten Deutsch aufgeregt auf ihn einredete, hätte er am liebsten zwischen die Zähne gehauen. Mord, Kater, Plastikblumen auf Wachstuchdecke und ein Wortschwall in gebrochenem Deutsch – das war in der Tat zuviel für Hoffmann: Er erbrach sich. Und fühlte sich danach gleich besser.

Der Polizeiarzt, der inzwischen eingetroffen war, musterte nur kurz den Kommissar, nachdem er die ganze Szene mit den Augen überflogen hatte. "Nimm dich zusammen, Arschloch." Die beiden hatten sich nie leiden können. Die Begrüßung war aber nichts Ungewöhnliches. Dr. Kurz war einer von der Sorte, die wohl als Kind schon Überheblichkeit, Leichtsinn und Sadismus in sich vereinigt hatten. Kinder, die später dann Bombenleger oder KZ-Aufseher werden dachte Hoffmann. Er hatte die schon früher gehasst. "Du wirkst so fröhlich, hattest du heute morgen schon deinen Einlauf?" Hoffmann war beim Aussprechen dieser Unverschämtheit für ihn selbst überraschend ruhig geblieben. Klar, Kater. Das hat auch was Gutes. Die Tatsache, dass Dr. Kurz schon Mitte Vierzig war und unverheiratet, ja noch niemals in der Öffentlichkeit mit einer Frau gesehen wurde war eigentlich schon lange kein Thema mehr bei den hiesigen Kripoleuten. "Mir ist einiges noch nicht so klar – ich werde gleich eine Autopsie durchführen und du wirst mitkommen in die Pathologie." Und noch leiser und bösartig: "Ich will dich kotzen sehen!" Das war der Konter.

Bis sie endlich in der Pathologie ankamen – das mit der Genehmigung ging dann doch nicht rasch – war auch der Kater weg. Der Polizeiarzt gab sich trotzdem alle erdenkliche Mühe, Hoffmanns Magen zu heben, wie er es nannte. Lange zeigte dieser nach außen keinerlei Reaktion auf die lange, wortreiche Obduktion. Innendrin wünschte er Stefan, Petra, deren gesamten Weinvorrat und schließlich sich selbst zum Teufel. Aber angenehm kühl war es hier unten. War am Vorabend der Wein nicht viel zu warm gewesen? Und viel zu süß? "Schau dir mal diesen Magen an. Fällt dir irgendwas auf?" An einer langen Zange hielt er dem Kommissar ein blutiges Stück Fleisch entgegen. Jetzt wird er kindisch. Was soll das? dachte der. "Krebs in einem sehr weit fortgeschrittenen Stadium" gab sich der Pathologe selbst die Antwort. "Und da schlage ich mir aus lauter Verzweiflung mit einem Fleischklopfer selber den Schädel ein? Oder ich bitte einen guten Bekannten darum, dies doch netterweise für mich zu übernehmen?" Noch während er das sagte, bekam der Kommissar Zweifel an der Schuld des unappetitlichen kleinen Mannes, den er längst hatte festnehmen lassen. Das ärgerte ihn. Nicht, dass er den radebrechenden Glimmstengel so schnell hatte einsperren lassen, sondern weil er längst genug hatte von diesem Fall, der ihn jetzt schon länger aufhielt, als ihm recht sein konnte. Wenn er jetzt schon an die sicherlich schwierigen Vernehmungen des Slawen dachte meldete sich sein bohrender Kopfschmerz wieder und ihm war plötzlich wieder speiübel.

"Na, Sherlock, ist der Fall gelöst?" So lautete die Begrüßung durch den Pathologen am Tag danach. "Du, der Fall ist doch nicht ganz so einfach" kam es gepresst zurück. "Dreiundfünfzigmal ich nix, ich nix vom Verdächtigen, keine Fingerabdrücke auf dem Fleischklopfer, aber was ganz Neues: Das Mordopfer war mal ganz schön berühmt. Als Volkssängerin Erna hat sie ganz schön vielen Deppen den Kopf verdreht. Einer war wohl unser jetziger Präsident. Das mit den Deppen bleibt aber unter uns. Unser Polizeipräsident lässt mich bestimmt Strafzettel in Sibirien schreiben, wenn ich wieder feste Nahrung zu mir nehmen kann." Der Arzt kratzte sich am Kopf und sah ein wenig ratlos aus. "Was macht so eine Frau im schlimmsten Sozialhilfe-Underground?" Der Kommissar versuchte zu lachen. "Sozialhilfe-Underground. Das ist das Wort des Jahres!" So richtig lustig fand er es dann aber doch nicht und wurde schnell wieder ganz ernst. "Da waren doch vorher die Amis drin, oder?" fragte Hoffmann. "Wo drin, in der Erna?" witzelte jetzt seinerseits der Pathologe. Der Kommissar deutete einen Fastnachtstusch an und sagte dann nur "Idiop!"

"Spätestens übermorgen haben Sie den Schuldigen, Hoffmann". Die Direktive des Präsidenten war eindeutig. Und duldete keinen Widerspruch. Ließ nicht einmal Rückfragen zu. "Übermorgen". Klar.

Die US-Army war wirklich in den Jahrzehnten nach Ende des Zweiten Weltkriegs Eigentümer der damaligen Kasernen- und jetzigen Sozialbauten. Der Verkauf an die Kommune hätte vor gut zehn Jahren wohl reibungslos geklappt. Ein eigentlich geplanter Weiterverkauf an private Investoren dagegen nicht. Städtische Bedienstete sind oft erstaunlich auskunftsfreudig. Und wirken dabei auch noch richtig ausgeruht, stellte Hoffmann neidisch fest. Auf die Frage, was der Grund dafür war, dass diese Weiterverkäufe an private Unternehmen nicht geklappt hätten, hatte der Amtmann auch erfrischend schnell die Antwort parat. "Viel zu teuer" wäre eine Sanierung der Gebäude und des Bodens die Interessenten gekommen. Wenn diese es versucht hätten, ja, wenn. Also hätten diese ganz schnell die Finger davon gelassen. "Wahnsinn!" Die Finanzverantwortlichen der Kommune hätten zwar hinter vorgehaltener Hand über die aus ihrer Sicht überzogenen Forderungen der Amis gelästert. Für den Oberbürgermeister, den Baubürgermeister und für große Teile des Stadtrats hätte eine Übernahme der Army-Liegenschaften aber nie ernsthaft in Zweifel gestanden. Für zu viele sozial Schwache und Bürgerkriegsflüchtlinge hätte damals ganz viel sozialer Wohnraum hergemusst. "Und die Sanierung?" Hoffmann war stolz drauf, dass er fast mühelos hart am Thema blieb. Ein guter Ermittler muss manchmal analytisch kalt denken können. Und gut zwanzig Jahre Erfahrung im erfolgreichen Polizeidienst sind für so einen Sesselfurzer natürlich ein uneinholbarer Vorsprung. Ach was. Eine andere Welt. Das wird für einen wie ihn auf ewig ein Mysterium bleiben, wenn von uns mal wieder ein Kapitalverbrechen aufgedeckt wird, dachte Hoffmann. Eine Kaffeemaschine erfolgreich entkalken wird für einen Ämtler so wohl das höchste der Gefühle bleiben. Als Antwort auf seine Frage erhielt er denn auch ein Schulterzucken und ein dummes Gesicht. Der Kommissar hatte sich lange nicht mehr so gut gefühlt.

Einen Baubürgermeister hatte er sich irgendwie anders vorgestellt. Der Kommissar war ein wenig irritiert, dass ihm mit dem etwas fiebrigen Menschen jemand vollkommen anderes gegenüberstand, als er eigentlich erwartet hatte. Einen vierschrötigen Menschen hatte er viel eher erwartet. So einen Typen ehemaliger Polier mit Gewerkschaftsvergangenheit eben. Hoffmann fiel es bei der Befragung des Herrn Dr. Zimmermann (Zimmermann – also doch!) höllisch schwer sich nicht von dem speckigen Hemdkragen seines dürren Gegenübers ablenken zu lassen. "Da ist damals vieles nicht so gelaufen, wie es damals hätte laufen sollen. Aber was um alles in der Welt interessiert die Mordkommission an dieser alten Geschichte? Es mag sein, dass Sie viel Zeit totschlagen müssen. Und ich freue mich ehrlich für Sie, wenn das so sein sollte. Aber ich muss mich jetzt leider entschuldigen. Eine Sitzung jagt die andere. Adieu." Du lässt dich abservieren wie ein Schuljunge und hast dabei auch noch ein schlechtes Gewissen, als ob du jemandem die Zeit stehlen würdest. Stattdessen hättest du nachhaken müssen, als er so lapidar sagte, es wäre nicht so optimal gelaufen bei der Übergabe des Kasernengeländes. "Da ist damals vieles nicht so gelaufen, wie es damals hätte laufen sollen." Tolle Worte für eine Umweltsauerei erster Güte. Aber der Dr. Zimmermann hatte in einem schon recht: Was hatte eigentlich ein Ermittler der Mordkommission mit solchen Sachen zu tun?

"Was soll das heißen: Ich komme voran? Beim Nasebohren? Sie sind im Mordfall dann vorangekommen, wenn Sie uns den Täter endlich präsentieren können, herrgottnochmal. Geben Sie Gas!" Das zu Befehl, Herr Präsident! konnte sich Hoffmann gerade noch verkneifen. Das verbindlichere Ja, natürlich! klang doch auch ganz gut.

Den angesammelten Frust bekam dann später Josip Mikicz ab, der radebrechende Zigarettenstengel, der bei Erna nur vorbeigekommen war, um bei ihr Kaffee zu schnorren. Dort dann die Erschlagene auf dem Küchenboden liegend vorfand und sich seitdem tausendmal vorgenommen hatte, künftig viel lieber schwarzen Tee zu mögen. "Du werden bleiben Gefängnis, bis gestehen." Mikicz schaute noch lange Zeit nachdenklich auf die Tür, durch die der offenbar völlig verwirrte Kommissar nach draußen gegangen war.

"Du, hör mal, die Erna ist in den Siebzigern als Duo Marianne und Erna aufgetreten. Hast du das gewusst?" Hoffmann hatte es nicht gewusst. Dass er sich näher mit lokaler Volksmusik befassen müsste war ihm eigentlich klar gewesen. Aber er hatte das bisher gemieden wie eine eklige Krankheit. Dass Dr. Kurz dagegen offenbar einen engen Bezug zu Volksmusik hatte und offenbar mehr wusste als der Kommissar ärgerte Hoffmann nur ein ganz klein wenig. Es passte zu Kurz. Und er gönnte es ihm. Die meisten Vollidioten, Debilen und Schwuchteln hatten offenbar ein ganz besonderes Verhältnis zu dieser Art von Musik. Warum das eigentlich so war wollte er gar nicht näher wissen. Es genügte ihm, dass es wohl so war.

Marianne Homburger lebte in so spießig-biederen Verhältnissen wie Hoffmann das erwartet hatte. Seine Bartflechte juckte immer dann, wenn er diese kleinbürgerliche Idyllen sah. "Von diesen Hitparaden-Jaggers ist in den siebziger Jahren doch keiner auf Dauer reich geworden" sagte die blonde Hälfte des einstmals berühmten Sangesduos, die seinen Blick auffing. "Kommen Sie, ich zeige Ihnen jetzt mal was" sagte die attraktive Frau mit dem eigenartig schiefen Gesicht und ging voraus. Wahnsinn, die wohl tollste Schallplattensammlung, die er je gesehen hatte. "Ist die original?" fragte er und zeigte auf eine bunte Plattenhülle. "Are you experienced ist die Originalpressung, logisch" meinte sie nur, während Hoffmann das Cover des Geniestreichs der Jimi Hendrix Experience fast streichelte. "Volksmusik ist ein Beruf wie viele andere auch" meinte die Frau mit dem schiefen Gesicht traurig. "Oder meinen Sie, eine Verkäuferin an der Käsetheke hat privat keine anderen Interessen? Erst kürzlich habe ich einen Musiker gesehen und gehört, der Sachen von Neil Young, den Rolling Stones und Van Morrisson wunderbar auf die Bühne gebracht hat, im Zivilberuf wohl Metzger war und dabei noch Vegetarier, wie er mir versichert hat. Ich habe es ihm geglaubt. Es gibt nämlich solche Fälle. Und zwar mehr als genug. Beim letzten Konzert von Jimi Hendrix waren wir Ende 1970 auch mit dabei" fuhr die ehemalige Volksmusiksängerin fort. "Erna stand damals eher auf Ginger Baker, der damals mit seiner Band Aircraft auch mit dabei war. Die hätten ja auch optisch besser zusammengepasst, der Ginger und Erna. Der eine langes blondes Haar, Vollbart und ein Gott am Schlagzeug, die andere dunkel, rassig und eine rauchige Stimme wie Zarah Leander. Ich glaube, der Ginger und die Erna hatten damals auch kurzzeitig was miteinander. Reinhard, Ernas damaliger Freund, hat damals wegen seiner Eifersuchtsszenen ziemliche Schwierigkeiten mit den Ordnern und der Polizei gekriegt. Ein Spargel, der sich mit den harten Jungs von den Hell´s Angels und mit der Polizei prügelte. Er hat trotzdem später bei der Stadt ganz schön Karriere gemacht." "Aber nicht als Spargel." Hoffmann wollte witzig sein, hörte dann aber: "Natürlich nicht. Er studierte Jura, machte seinen Doktor und wurde später sogar Bürgermeister. Baubürgermeister. Aber die Erna hat er trotzdem nie wirklich bekommen." Der Fahnder war plötzlich hellwach. "Wie hieß der denn?" wollte er wissen.

Dr. Reinhard Zimmermann war so eloquent-herablassend wie immer. "Ja doch. Eine freundschaftliche Beziehung zu Erna Czerny hatte ich wirklich Ende der Sechziger oder Anfang der Siebziger. Sie war damals eine tolle Sängerin und eine ganz reizende Frau. Aber das ist ja schon Ewigkeiten her, Herr Kommissar. Soll ich Ihnen jetzt auch noch die Vorrundenergebnisse der deutschen Fußballnationalmannschaft bei der Weltmeisterschaft 1954 in der Schweiz aufsagen, oder sind Sie für heute zufrieden?" Hoffmann hatte in der Tat genug gehört. Er war für`s erste bedient. Und er nahm sich fest vor, dass er beim nächsten Mal wacher und vor allem besser vorbereitet sein würde.

Eigenartig, aber nach der verbalen Abreibung durch Dr. Zimmermann tat ihm die blondgefärbte Frau mit den traurigen Augen, der schleppenden Stimme und dem schiefen Mund so richtig gut. "Sie sehen müde aus, ein Kaffee wird uns beiden bestimmt nicht schaden" sagte sie statt einer Begrüßung. "Sagen Sie, warum hat die Erna Czerny eigentlich in einer Sozialwohnung gelebt? Ich glaube Ihnen gerne, dass es Ende der sechziger und Anfang der siebziger Jahre nicht diese Reichtümer zu verdienen gab, die der Markt vielleicht zehn oder fünfzehn Jahre später bot, aber ein Sozialblock..." Hoffmann wurde immer unsicherer, je länger er redete und in ein völlig ausdrucksloses Gesicht schaute. "Punkt eins: Nach meinem Schlaganfall war es mit dem Duo Marianne und Erna vorbei. Solo wollte sie danach auch nicht weitermachen. Punkt zwei: Nicht jeder ist ein Finanzgenie. Und Erna hat sich selber für das Leben entschieden, das sie geführt hat. Vergessen Sie das nicht! Und der letzte Punkt: Erna hat mit dem Reinhard Zimmermann zwar nie zusammen gewohnt, geschweige denn ihn oder irgend jemand anderen geheiratet, ihn aber trotzdem jahrzehntelang regelmäßig getroffen. In ihrer Wohnung. Obwohl auch der Reinhard nie verheiratet war." Hoffmann dachte an den speckigen Hemdkragen des Dr. Zimmermann und glaubte ihr. "Der konnte einem leidtun. Diese jahrzehntelange Abhängigkeit von ihr. Er war ihr hündisch ergeben. Ich habe mal eine Geschichte gelesen, da hatte einer so eine Obsession. Erna hätte alles haben können von ihm. Wenn sie nur gewollt hätte. Und sie hat alles machen können mit ihm. Fast alles: Sie war begeisterter Schnitzel- und Steak-Freak. Er eingefleischter Vegetarier. Sagt man das so? Ich meine, er war einer von der Sorte, die wohl glauben, in göttlichem Auftrag als Bewahrer tierischen Lebens unterwegs sein zu müssen. Grausig!"

Dass es ihm nicht schon viel früher aufgefallen war ärgerte ihn nicht wenig. Der Baubürgermeister schwitzte offenbar nicht etwa, weil er krank krank gewesen war, sondern nervös. Und er als ermittelnder Kommissar hatte sich immer von ihm abkanzeln lassen. Es tat richtig gut, die Schwäche des Gegners zu sehen. "Wieder Sie" meinte der nur. Und er blickte ihn dabei kaum an. Von der provozierenden Überheblichkeit war nichts mehr da. An deren Stelle war wohl Resignation getreten. "Ich habe es getan, um endlich frei zu sein. Frei von dieser entwürdigenden Obsession. Offenbar sollte ich ganz allein schuld sein an ihrem Magenleiden. Kein anderer Mieter hat so etwas je behauptet. Und die Schadstoffbelastungen auf dem Kasernengelände zeigten sich doch an ganz anderen Stellen. An den Stellen nämlich, wo früher die Zugmaschinen gewartet wurden. Ganz weit weg von den Häusern." Dr. Zimmermann suchte jetzt Hoffmanns Blick und sah ihm fest in die Augen. "Ich habe ihr wieder und wieder versichert, dass ihr Magenleiden nichts, aber auch gar nichts mit der leichten Schadstoffbelastung des benachbarten Geländes zu tun hätte. Dass es sehr viel wahrscheinlicher wäre, dass dieses eklige Fleisch, das sie in rauhen Mengen gebraten, gekocht, geräuchert oder noch blutig fraß, der wahre Schuldige sei. Und dann...", Dr. Zimmermann war mittlerweile puterrot geworden, "...und dann trieb sie es auf die Spitze und klopfte wieder mal ein großes Stück blutig-blaues Fleisch zu einem Riesen-Kotelett breit. Ich sollte es mit ihr zusammen fast roh verspeisen und wir sollten uns danach auch noch lieben. Furchtbar! Das war zuviel für mich."

Hoffmann war nach mehreren Lektionen, die dieser Fall für ihn bereit gehalten hatte um vieles klüger geworden. Vertraue nicht vorschnell dem, was Du zu sehen glaubst. Manchmal ist es vielmehr ein Wunschbild von dir . Das war wohl eine Lehre, die er künftig beherzigen wollte und er beeilte sich, heute pünktlich bei Marianne zum Kaffee zu sein.